Das diesjährige Festival Westwind – 39. Theatertreffen für junges Publikum NRW wurde am 11. Juni eröffnet von mehreren Redebeiträgen von Gastgeber*innen, jungen Beteiligten, Politik und auch aus dem Kontext der ASSITEJ: dabei wurde die Arbeit des Arbeitskreises NRW diesmal besonders sichtbar.
GITTI: Langjährige Westwind-Besucher*innen wundern sich vielleicht gerade, warum wir hier heute zu zweit stehen. Wir, das sind Julia-Huda Nahas und Brigitte Dethier.
JULIA: Die Begrüßungsrede durch eine*n Vertreter*in des ASSITEJ-Vorstandes hat bereits eine lange Tradition. Die allermeisten hier im Raum kennen und schätzen Brigitte als Vorstandsvorsitzende, als langjährige Künstlerische Leitung des JES Stuttgart, als Künstlerin und nicht zuletzt als eine wichtige und jahrzehntelange Säule im und für das Theater für junges Publikum.
GITTI: Etwas weniger präsent bei den Eröffnungen war in der Vergangenheit der Arbeitskreis der Theater für junges Publikum in Nordrhein-Westfalen (AK TjP NRW), mit über 100 Mitgliedern innerhalb der ASSITEJ der größte Zusammenschluss von Theatermacher*innen für junges Publikum.
JULIA: Im Namen des AK und der vier Sprecher*innen (das sind neben mir Manuel Moser / COMEDIA Theater Köln, Kirstin Hess / Junges Schauspiel Düsseldorf und Anne Verena Freybott / Theater Oberhausen) freue ich mich sehr, hier heute anlässlich der Eröffnung gemeinsam mit Gitti zu Euch und Ihnen zu sprechen und so auch einen kleinen Einblick in einige der zahlreichen Themen zu geben, mit denen wir uns in der ASSITEJ und im AK NRW beschäftigen.
GITTI: Ein Thema, das uns zur Westwind-Eröffnung in Bochum vor einem Jahr alle umgetrieben hat, war die Frage, was in der neuen Legislaturperiode mit dem Kulturministerium passiert – ja, ob es überhaupt ein eigenes Ministerium für Kultur geben wird. Ein Jahr später wissen wir gottseidank: „Ja, das gibt es“.
JULIA: Wir freuen uns auch über den bereits jetzt etablierten Kontakt und produktiven Austausch mit unserer neuen Ministerin Ina Brandes und Staatssekretärin Gonca Türkeli-Dehnert, die uns Anfang des Jahres auch im Arbeitskreis besucht hat. Wie gewohnt wunderbar unterstützt durch für uns wichtige Konstanten wie Stefanie Jenkner und Ralph Zinnikus, der lange als Interim die Fahne hochgehalten hat und nun an Thorsten Ehlert abgeben wird. Es hat sich also personell viel getan im letzten Jahr und es ist vermutlich auch gut herauszuhören, dass uns ein schneller Einstieg in die gemeinsame Arbeit ein großes Anliegen war und ist. Es ist uns allen klar, dass Wissenstransfer, gerade auch im ewigen Wechsel politischer Ämter, eine Herausforderung darstellen kann. Die bisherigen Erfahrungen machen uns große Hoffnung, dass wir gemeinsam auf der hervorragenden Arbeit der letzten Jahre aufbauen und diese produktiv weiterentwickeln können.
GITTI: Aber wie kann man zuverlässige Instrumentarien anlegen, die einen nachhaltigen Wissenstransfer zulassen? Denn nicht nur die Menschen in den politischen Ämtern wechseln oft ihre Positionen, auch auf der Seite der Künstler*innen wechseln die Ansprechpartner*innen für die Politik.
Wir schlagen an dieser Stelle einen Jour Fixe für eine interministerielle Arbeitsgruppe und Vertreter*innen der Kulturschaffenden vor. Ein regelmäßiger Austausch in diesem Rahmen bietet allen Beteiligten eine Plattform, um auf direktem Wege Wissen zu teilen und Impulse in die eigene Arbeit mitzunehmen. So haben Politiker*innen die Chance, ihre aktuellen und langfristigen Ziele vorzustellen. Umgekehrt können die Künstler*innen aber auch Impulse in die Runde geben und unmittelbar vermitteln, wo wir künstlerisch stehen, und welche Themen aus unserer praxisnahen Sicht gerade besonders bearbeitet werden müssen. Für die Kultur- und die Bildungspolitik kann das die Chance sein, einen direkten Draht in die Szene, zu den Expert*innen zu haben. Denn wenn wir vom Optimum ausgehen, dann haben wir dieselben Ziele, nur manchmal unterschiedliche Auffassungen, wie diese verwirklicht werden können.
JULIA: Themen, die von einem solchen bereichsübergreifenden Ansatz enorm profitieren können, gibt es genug. Besonders deutlich wird das im Zeichen der Einführung eines flächendeckenden offenen Ganztags an Grundschulen. Was in dieser Zeit genau geschieht, wird sich jetzt definieren und die Einbindung der Theater, neben Sport-, Kunst- und Musikvereinen ist naheliegend und sinnvoll. Wenn wir allerdings darüber sprechen, wie genau das aussehen kann, dann kommen wir nicht drum herum, über zwei Berieche zu sprechen, die leider immer noch viel zu oft in einen Topf geworfen werden: die Kunst und die kulturelle Bildung. Kunst schafft die Möglichkeit Kultureller Bildung.
GITTI: Damit diese gelingen kann, ist es allerdings essenziell, dass Kunst auch die Chance hat, angemessen geschaffen, produziert, präsentiert und wertgeschätzt zu werden. Wer hier das Potenzial der Theaterkunst für junges Publikum und die unverzichtbare Arbeit von Kulturvermittler*innen in einen Topf wirft, verschenkt den Mehrwert, den beide Disziplinen haben. Für die Szene, das Publikum und nicht zuletzt in der kongenialen Arbeit miteinander.
JULIA: Daher möchten wir an dieser Stelle nochmal ganz klar sagen: Kunst unterstützen heißt Kulturelle Bildung ermöglichen. Beides ist unverzichtbar und hat dringenden Bedarf an Unterstützung, um auch in der Zukunft den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden. Einerseits monetäre Unterstützung: da sind wir uns alle einig. Aber auch in der Sichtbarkeit, Präsenz und Struktur. Bestes Beispiel sind dieser AK NRW und auch das Festival, zu dem wir hier heute versammelt sind. Ohne stabile Strukturen ist keine nachhaltige Arbeit möglich und wo ist diese Nachhaltigkeit wichtiger, als wenn wir über Kinder- und Jugendliche sprechen? Wir sind sehr froh, dass das Land uns hierbei in der Vergangenheit immer unterstützt hat und wir sehen und schätzen die Signale für die Zukunft.
GITTI: Bevor wir nun zum Ende kommen, müssen wir natürlich nochmal genauer nach Bonn schauen, zu den Marabus. Wir gratulieren Euch auch recht herzlich zum 30. Geburtstag. Wie schön, dass es Euch seit 30 Jahren gibt. 30 Jahre Dauererfolgsgeschichte der sympathischsten Art und Weise. Liebe Tina, lieber Claus, die Ihr hier als die künstlerische Leitung des Theaters verantwortlich zeichnet: Ihr leistet hervorragende Arbeit, die bundesweit bekannt ist und bundesweit geliebt wird.
Diese Arbeit zeichnet sich aus durch eine hohe künstlerische Qualität. Das belegen die zahlreichen Festivaleinladungen, die Preise, die Ihr bekommt, Eure großartige Nachwuchsarbeit, aus der schon viele Nachwuchskünstler*innen hervorgegangen sind, die Kooperationen, die Ihr in den letzten Jahrzehnten eingegangen seid, um künstlerische Ideen überhaupt erst umsetzen zu können – und und und. Ich könnte hier noch Vieles aufzählen, was Euch besonders und herausragend macht.
Leider drückt sich das noch nicht in der Finanzierung aus. Mit den immens steigenden Nebenkosten, mit denen wir alle zu kämpfen haben, und mit den steigenden Mindestlöhnen stehen die freien Theater zum Großteil alleine da. Als ASSITEJ-Vorsitzende bitte ich die Politik dringend darum, auch dafür Sorge zu tragen, dass die Freien Theater überleben können und konkurrenzfähig bleiben. Es kann nicht angehen, dass ein Theater, das sich hier in Bonn sehr stark für die Netzwerkarbeit einsetzt, zwar Netzwerkteil bleiben soll, aber keine finanziellen Aufwüchse bekommt. Hier muss dringend nachkorrigiert werden. Und ich bin der festen Überzeugung, dass ich hier ganz im Sinne der Kinder und Jugendlichen, der Familien, der Erzieher*innen spreche, im Sinne der Steuerzahler*innen, dessen Gelder hier verteilt werden. Lassen sie mich mit einer grundsätzlichen Forderung der ASSITEJ schließen: Wieviel prozentualen Anteil der Bevölkerung in Bonn, in NRW haben Kinder und Jugendliche? Wieviel prozentualen Anteil bekommen Kultureinrichtungen, die für dieses junge Publikum arbeiten? Ich bitte Sie, diese Rechnung zu machen und dann nachzukorrigieren.
JULIA: Und jetzt wünschen wir uns allen ein aufregendes, inspirierendes und wundervolles Westwind-Festival.
Herzlichen Dank!
