„So nah und doch so fern“ – Gedanken zur Sammlung

von Anne-Sophie Garthe

Oft werde ich gefragt, wie viele Besucher*innen wir vor Ort in unserem Archiv haben. Die kurze Antwort: sehr wenige. Wer bereits Erfahrungen mit der Archivarbeit gemacht hat, weiß, dass man einiges an Zeit einplanen muss, um sich durch die unzähligen Schachteln, Boxen und digitalen Speicherräume zu wühlen. Ausgehend von einer vagen Frage tastet man sich von Fundstück zu Fundstück voran. Dieses Vorgehen klingt nicht mehr unbedingt sexy in einer Zeit, in der das gesuchte Wissen meist nur noch eine kurze Internetrecherche entfernt ist. Die Verknappung von Zeit und der zu bewältigende Reiseaufwand stehen zwischen der*m potenziellen Besucher*in und der Sammlung und wir müssen uns der unbequemen Frage stellen: wer sich hier eigentlich auf wen zubewegt?

Aber schauen wir gemeinsam zurück auf das vergangene Jahr.

Kaffeegespräch mit Christine Henniger (links) und Anne-Sophie Garthe (rechts), Foto: Renata Chueire

Zunächst zog ich aus, um das Wort zu streuen: „Sehet her und bewundert die größte Sammlung für Kinder- und Jugendtheater in Deutschland!“ Nun ja, so oder so ähnlich. Beim AUGENBLICK MAL! 2023 tauschte ich mich bei einem Kaffee und der Anwesenheit einiger lauschender Ohren mit meiner Berliner Fachkollegin Christine Henniger zum Thema Theatersammlungen, den vertrackten Bedingungen ihrer Bestandserhaltung und Herausforderungen ihrer Digitalisierung aus. Im Oktober war ich eingeladen im Rahmen des 31.internationalen TheaterFests der Agora in St. Vith (Belgien) einen kurzen Input zu meiner Arbeit zu geben. Die Fragestellung lautete: Was ist politisch an dem Theater, was ihr macht? Kann Theater die Welt verändern? Ich umkreiste die Frage: Das KJTZ macht kein Theater, fördert es aber. Definitiv politisch. Aber die Sammlung? Und wenn sie wirklich politisch ist, hat sie tatsächlich die Wirkmacht etwas zu verändern? Begeistert warb ich für die Macht des Wissens und das aus ihr zu schöpfende Wandlungspotenzial für die von uns gemeinsam zu gestaltende Zukunft. Es war einer dieser Momente, als ich mir erlaubte dick aufzutragen. Wahr ist es trotzdem!

31. Internationales TheaterFest der Agora 2023, Foto: ASG

Im November starteten Heide Ottenroth (die gute Seele und strenger Ordnungsgeist unserer Sammlung) und ich ein neues Projekt, um die Sammlung ihrem Publikum näher zu bringen: wir entstaubten unsere Vitrinen und Bilderrahmen und organisierten eine kleine Ausstellung am Rande (oder eher am Eingang) des Frankfurter Forum Junges Theater 2023: haltung+zeigen. Für ihre Forschungsarbeit „Diversifizierungsprozesse in der freien Kinder- und Jugendtheaterfestivalszene“ sprach Dr. phil. Özlem Canyürek im vergangenen Jahr mit Akteur*innen der Festivalszene für junges Publikum und begab sich auf intensive Tauchgänge ins Archiv – beim Frankfurter Forum 2023 stellte sie nun ihre Untersuchungsergebnisse vor. Für die Ausstellung entwickelten Özlem und ich eine Visualisierung ihres methodischen Arbeitsprozesses am Archivmaterial. Mit roten Fäden und ihren Notizen auf bunten Klebezetteln und Karteikarten erstellten wir eine Mindmap, die ihre Suche nach Fragen und Antworten Schritt für Schritt nachzeichnete und exemplarisch aufzeigte, wie man sich der Sammlung und ihren vielfältigen Ressourcen annähern konnte. Zudem erwartete die Besucher*innen ein reich bestückter Infotisch zum Thema „Jugendbeteiligung“ mit diversen Handreichungen und Flyern sowie das Angebot, in unserer analogen und digitalen Stücktextsammlung zu schmökern.

Ansichten zur Ausstellung Frankfurter Forum Junges Theater 2023, Foto: ASG

Eine Woche später erwartete Heide und mich ein besonderes Highlight des Jahres: wir erhielten Besuch von einer Delegation von Theaterwissenschaftler*innen und -macher*innen aus Melbourne und Sydney. Denn was nur wenige wissen: Neben der Sammlung des deutschen Kinder- und Jugendtheaters beherbergt das KJTZ auch das historische Archiv der internationalen ASSITEJ. Im Rahmen der europäischen Förderung der ASSITEJ International forschen Kelly Freebody und Michael Anderson zur Bedeutung des Kinder- und Jugendtheaters, wohingegen Richard Sallis und Jennifer Andersen die historische und aktuelle Entwicklung der Weltorganisation evaluieren, einordnen und Impulse zur Veränderung setzen. Nicht nur freute ich mich über die leuchtenden Augen unserer Besucher*innen auf unserem Weg durch die Regalreihen, sondern auch die Gespräche, die mir neue Blickwinkel auf die Genese der Sammlung und ihre Fortführung im Digitalen eröffneten. Wie dokumentieren wir das Jetzt, um es immer wieder ins Hier zurückholen zu können? Und wie wächst ein digitales Archiv bei einer dezentralen Organisation, deren Sprecher*innen und Mitglieder*innen aus aller Welt kommen? Und wie können diese internationalen Teilhaber*innen wiederum von diesem kulturellen Wissensspeicher profitieren? Es sind Fragen, die uns noch nachhaltig beschäftigen werden.

Internationale Kolleg*innenrunde mit (v.l.n.r.) Lisa Stumpf, Michael Anderson, Richard Salis, Liljan Halfen, Suse Freiling, Kelly Freebody und Heide Ottenroth, hinter der Kamera: ASG

Das war jetzt viel. Und jetzt?

In diesem Jahr arbeiten wir weiter an den digitalen Angeboten unserer Webseite. Die Online-Präsentation der Sammlung wurde mit dem Webseiten-Relaunch 2022 bereits neu entwickelt und strukturiert und das Archiv kann (nach vorheriger Anfrage und ganz ohne Anreise) über unseren virtuellen Lesesaal genutzt werden. Auch der Bereich der Neuerwerbungen soll geöffnet werden: Geplant ist eine vereinfachte Online-Einreichung für die Sammlungs- und Archivmaterialien der Theater über unsere Webseite bzw. den KJTZ-Cloudspeicher, um die kontinuierliche Dokumentation der Darstellenden Künste für Junges Publikum sicherzustellen.

Um inhaltliche Anreize zu setzen, sich mit der Sammlung zu beschäftigen, wird ein digitaler Ausstellungsbereich entstehen, dessen Umsetzung schon zeitnah startet. Zudem wird die Inszenierungsdatenbank, die seit Jahresbeginn bereits die aktuellen Spielzeitdaten 2023/2024 des Magazins ixypsilonzett. Theater für junges Publikum zugänglich macht, ausgebaut. Die bisher gesammelten Daten der vergangenen Jahre sollen in einer Inszenierungsdatenbank zusammengeführt und für Recherche und Forschung der Darstellenden Künste für junges Publikum online nutzbar gemacht werden.

Wir erwarten mit Spannung die nächsten Schritte. Und wenn Ihr Lust und Zeit habt, dann kommt gerne zu Besuch in unsere Sammlung. Ob Online oder in Präsenz, das ist eigentlich nicht (mehr) wichtig.

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Anne-Sophie Garthe (ASG) ist seit 2019 Projektleiterin für Dokumentation und Digitalisierung des KJTZ.

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