Im Rahmen des Fördermoduls „Next Generation und Theater der Zukunft“ bei NEUSTART KULTUR – Junges Publikum beschäftigten sich verschiedene Theater mit Fragen rund um das Thema Generationen. Die Textreihe Let’s mix together! Theater der Zukunft gemeinsam gestalten vereint die Impulse der Künstler*innen mit theatralen Rezepten und lädt zu praktischen und unpraktischen Anleitungen für eine gelungene generationen-übergreifende Theaterarbeit und einen Generationenwechsel im Kinder- und Jugendtheater ein. Zu Rezepten verarbeitet von Marina Merryweather, Swetlana Gorich und Judith Rohrbeck.
„Was ist bleibt, geht – und kommt“
theaterspiel ist ein mobiles Kinder- und Jugendtheater aus Witten in Nordrhein-Westfalen. Hier arbeiten verschiedene Generationen auf und hinter der Bühne zusammen. Das ist: Wunderbar! Super! Gut! Konfrontierend! Herausfordernd! In der Zusammenarbeit begegnen sich verschiedene Erfahrungen, Sicht- und Arbeitsweisen. Wie gelingt die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Generationen im mobilen Kinder- und Jugendtheater? Was bringen die Vertreter*innen verschiedener Generationen in eine solche Zusammenarbeit mit? Und welche Unterstützung benötigen sie, um auch in Zukunft ihr Theater gemeinsam zu gestalten? Schauspielerin, Autorin, Produzentin und Leitung theaterspiel Beate Albrecht (BA) und Schauspielerin Marie Illies (MI) teilen ihre Impulse für eine gelungene generationen-übergreifende Theaterpraxis.
1. Beginne mit Dialog und Austausch auf und hinter der Bühne. Lasse dabei zu, dass verschiedene Sicht- und Arbeitsweisen aufeinandertreffen.
„Bei theaterspiel arbeiten Jung, Mittel und Alt in den verschiedenen Formaten zusammen. Diskussionen, Auseinandersetzungen, Austausch von Wissen und Fragen nach der Zusammenarbeit bestimmen unsere tägliche Arbeit. Diese ist anstrengend und herausfordernd, jede*r wird gebraucht und jede*r muss Verantwortung übernehmen, egal wie jung. Natürlich stoßen verschiedene Sicht- und Arbeitsweisen der Generationen aufeinander: Während die Alten, die sich nicht alt fühlen, aber so gelabelt werden, viele Strukturen für mobiles Kinder- und Jugendtheater mit minimalen Mitteln aufgebaut haben – in den 90ern und Anfang der 2000er gab es kaum Förderungen – kommen die jungen Kolleg*innen mit der Möglichkeit der Förderung eigener Ideen. Wunderbar! Während die Alten über die Jahre ihr Handwerk geschärft haben, bringen die Jungen performative Formate sowie Ideen rund um die digitale Welt mit. Super! Während die Alten oft von Arbeitsstrukturen kommen, in denen Selbstausbeutung selbstverständlich war und ist, werfen die Jungen Fragen nach Urlaub und Freizeit auf. Konfrontierend! Während die Alten die direkte Kommunikation suchen, sind die Jungen auf den digitalen Plattformen zu finden. Auch gut! Spannend, diese Fragen in der täglichen Arbeit auf und hinter der Bühne zu bewegen und Lösungen finden zu können.“ (BA)
„Es wird zusammen reflektiert, Feedback gegeben, gegessen, gelacht, mit den Figuren mitgefühlt und es gibt Raum, sich Fragen zu stellen. Bei „Am Ende der Annen“ war es meine Aufgabe, dem Theatertext des erfahrenen Jugendtheaterautors Lorenz Hippe im Prozess immer wieder Leben zu verleihen, mir Wissen über das Thema anzueignen und den Text gemeinsam mit den jungen Erfahrungsexpert*innen und einem jungen Publikum zu überprüfen, bevor der Autor dann sagt: “So, jetzt ist es fertig. Ab zum Verlag damit.” Lorenz Hippe entwickelte sein Stück aus Interviews mit Menschen, die Erfahrungsexpert*innen des Stück-Themas sind. In diesem Fall waren das trans* Personen und deren Angehörige. In der am Ende des Projekts stehenden szenischen Lesung verkörperte ich dann in einem Solostück “Enzo”, welcher kurz vor seiner ersten Hormonbehandlung steht, sowie seine Mutter. Im Laufe der Proben lernte ich zwei der interviewten jungen Menschen auch persönlich kennen.“ (MI)
2. Das junge Publikum rührt mit! Lade Kinder und Jugendliche zu deinem Prozess ein. Unterstütze sie dabei, den künstlerischen Prozess mitzugestalten. Füge eine großzügige Portion Offenheit für unterschiedliches Wissen und Erfahrungen hinzu.
„Vor allem die nicht selbstverständliche Offenheit der jungen Expert*innen hat mir in kürzester Zeit hilfreiches und unbedingt nötiges Wissen gegeben. Die Offenheit unseres Autors und der Jugendlichen, etwas zusammen entstehen zu lassen und der Austausch untereinander über Lebensrealitäten, über künstlerische Prozesse waren für mich schon ein Erfolg an sich. Es schafft einen kreativen, lockeren aber auch produktiven Raum, wenn junge Menschen als Expert*innen ihres Gefühls- und Erfahrungsschatzes zum künstlerischen Prozess beitragen oder als Publikum in den Prozess eingeladen werden. Und ja, sie müssen sich eingeladen fühlen, willkommen. Dabei ist es von Gewinn, wenn die Theaterschaffenden den Kindern und Jugendlichen Raum für ihre Fragen, ihre ehrlichen Reaktionen und Meinungen geben. Im Prozess haben alle Seiten noch Fragen, auf die es noch keine festgezurrten Antworten gibt. Meine These wäre, dass dadurch alle noch Fragende sind und noch mehr auf Augenhöhe zusammenkommen, trotz Altersunterschieden. Vielleicht unter dem Motto: „Der gemeinsame Weg ist auch das Ziel“. In einem offenen Prozess sind alle auf der Suche und kommen in ein gemeinsames Hinterfragen. Und es entsteht mehr Nähe und Austausch.“ (MI)
3. Damit der Dialog und die Zusammenarbeit auch wirklich aufgehen, gib Interesse und Geduld hinzu. Und bestreue sie mit Respekt!
„Im mobilen Kinder- und Jugendtheater haben Einzelkämpfer*innen und oftmals familiär geprägte Theatergruppen über die Jahre und ohne passende Förderstrukturen ihre ganz eigenen Strukturen aufgebaut. Diese an die jungen Kolleg*innen weiterzugeben und sie mit ihnen weiter zu entwickeln, gehört zum Tagesgeschäft und braucht von beiden Seiten Interesse und Geduld.“ (BA)
„Ich habe mich in meiner Rolle der Schauspielerin, die einen Text zum Leben erweckt, bestätigt und gebraucht gefühlt. Ich hatte das Gefühl, mein Spiel gibt dem Autor einen zusätzlichen Blick auf seinen Text, durch den er ihn überprüfen und besser sehen kann, was funktioniert schon, was noch nicht? Und die jungen Menschen haben ihre Gedankengänge, Gefühle, Erklärungen und bildlichen Beschreibungen wiedererkannt und Freude darüber geäußert. Außerdem erschien es mir sinnvoll, dass sie durch die spielerische Darbietung überprüfen konnten, ob sie richtig verstanden worden waren und sie hatten die Möglichkeit, weitere Ideen und Erfahrungen einzubringen.“ (MI)
4. Füge eine große Portion Leidenschaft und Engagement für Darstellende Künste für junges Publikum hinzu! Greife nach verschiedenen Förder-Töpfen, z.B. für Gastspiele, Digitalisierung, Weiterbildung und mobile Produktionen für junges Publikum! Lasse dir Zeit beim Verrühren und sei achtsam mit dir selbst.
„Die Nachfrage nach mobilen Kinder- und Jugendtheatern ist groß. Wir erproben neue Formate, sind an gesellschaftlich relevanten Themen dran und vor allem sind wir fast täglich dort, wo wir sein wollen: auf der Bühne, vor dem Publikum. Trotz alledem ist das Finden und Anlernen neuer Kolleg*innen eine Herausforderung, die von den Alten noch zusätzlich zur eigentlichen Theaterarbeit geleistet werden muss. Damit uns nicht die Puste ausgeht, brauchen wir Unterstützung: Ein Förderprogramm für die Entwicklung und Durchführung von dualen Ausbildungsmodulen für ein spannendes mobiles Kinder- und Jugendtheater von morgen. Ein Förderprogramm für Gastspiele, wie es das Förderprogramm der ASSITEJ, NEUSTART KULTUR – Junges Publikum möglich gemacht hat. So können wir niederschwellig alle Kinder und Jugendlichen auch in ländlichen Räumen erreichen, oftmals ehrenamtlich engagierte Veranstaltende unterstützen und neue Netzwerke für eine vielfältige Theaterlandschaft aufbauen. Ein Förderprogramm zur Digitalisierung in den verschiedenen Arbeitsbereichen des mobilen Kinder- und Jugendtheaters, zum Beispiel auch für das Kulturmanagement, um mehr Kapazität für die künstlerische Arbeit zu gewinnen und die Kommunikation im diversen Team transparent zu halten. Ein Förderprogramm für mobile Produktionen – und das meint Produktionen, die bis zu 500mal gespielt werden können – um das Handwerk zu schärfen und Expertise weiterzugeben bzw. in der Arbeit auszutauschen.“ (BA)
Beate Albrecht, Schauspielerin, geb.1963, spielt, schreibt, inszeniert, produziert und leitet seit 27 Jahren die Arbeit bei theaterspiel, ein mobiles Kinder- und Jugendtheater, beheimatet in Witten. Von da aus ist es im ganzen Bundesgebiet bis nach Südtirol / Italien mit seinen Produktionen unterwegs.
Marie Illies, Schauspielerin, geb. 1995, arbeitet freiberuflich u.a. bei theaterspiel in den Stücken „Alkohölle“ und „Philotes-Spiel um Freundschaft“ und leitet Theaterworkshops für Jugendliche zu verschiedenen Themen.
NEUSTART KULTUR war ein Rettungs- und Hilfsprogramm zur Abfederung der Auswirkungen der COVID-19 Pandemie von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Der Programmbaustein NEUSTART KULTUR – Junges Publikum wurde von ASSITEJ e.V. umgesetzt.
Zeichnungen: Johanna Benz, graphicrecording.cool


