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Festrede zum Abschied von Felicitas Loewe als Intendantin des Theaters Junge Generation, gehalten von Professor Dr. Wolfgang Schneider am 13. Juni 2025 im tjg Dresden.
Verehrte Festgesellschaft! Liebe Feli!
Du hast Theater möglich gemacht, als Künstlerin und als Managerin, als Dramaturgin und Intendantin, als kreative Kraft draußen an der Meißener Landstraße und hier drinnen im Kraftwerk Mitte.
Ich durfte dir begegnen, dich beobachten und begleiten, als Gründungsdirektor des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland, als Ehrenmitglied des Theaters Junge Generation und als Ehrenpräsident der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche. Und deshalb erlaube ich mir ein paar wertschätzende Bemerkungen zu deinem Schaffen in den Darstellenden Künsten für junges Publikum.
Erstens: Felicitas Loewe steht für eine permanente Theaterreform
Es geht ihr um eine stetige Weiterentwicklung in der Kunst, für neue Formate und Räume, für Interdisziplinarität und Internationalität, für Partizipation und Pädagogik. Drei bemerkenswerte Projekte sind mir in besonderer Erinnerung: „Das Theater als Kulturzentrum“, „Das Theater im Klassenzimmer“ und „Das Theater für die Allerkleinsten“.
Kurz nach der Wende ging es um das Überleben der Kinder- und Jugendtheater in der DDR. Theater stand nicht gerade hoch im Kurs, wenn es um die Transformation einer sozialistischen zu einer kapitalistischen Gesellschaft ging. Theater für junges Publikum in Dresden war nicht nur Volksbildung, sondern konnte auch Kulturzentrum sein, wo all das verhandelt wird, mit künstlerischen Mitteln, was Kinder und Jugendliche im Alltag beschäftigt; auch die neuen ostdeutschen Identitäten. Kinder- und Jugendtheater war und ist nah dran, mitten drin, bot und bietet Räume für Auseinandersetzungen.
Vor zwanzig Jahren entdeckte Dresden das Klassenzimmer als Bühne. Denn es wächst zusammen, was zusammengehört: Theater und Schule. Schülerinnen und Schüler sind das Stammpublikum der Theater, warum dann nicht auch Schauspielerinnen und Schauspieler als Akteure im Unterricht. Und schon war ein neues Festival geboren. „Am gewohnten Ort passiert Ungewohntes“ hast du es in der von uns beiden herausgegeben Publikation formuliert, „zwischen Tischen und Stühlen, Pult und Tafel entstehen Welten“; denn „es geht um die Zeichen der Zeit, im besten Falle um ästhetische Bildung“.
Und dann ging es in Dresden um eine bisher unberücksichtigte Zielgruppe, um das Theater für die Allerkleinsten. „Baby Drama“ nannten es die Schweden und „Theatre for Early Childhood, from birth to three“ die Briten. Und es war eine große Herausforderung für die Künstlerinnen und Künstler, neue Räume mussten gefunden, neue Stücke erfunden und neue Spielweisen entwickelt werden. Festivalproduktionen und Forschungsarbeiten zeigten, dass es funktionieren kann, das Recht aller Kinder, auch der Allerkleinsten, auf Kunst und Kultur zu verwirklichen.
Zweitens: Felicitas Loewe versteht das tjg als ein Volkstheater für Alle
„tjg“ wird zwar im Logo klein geschrieben, ist aber insbesondere von der Intendanz immer groß gedacht worden. Das Publikum ist dabei das A & O,
das Theater ein „Ort des Verweilens, der Freizeit, der Kommunikation und der Unterhaltung“, wie es von dir, liebe Feli, zum 75-jährigen Jubiläum in den Dresdner Heften beschrieben wurde. Das tjg ist das einzige Kinder- und Jugendtheater in Deutschland mit drei Sparten, neben dem Schauspiel und dem Puppentheater beheimatet es auch eine Theaterakademie. Dort bündeln sich alle spielpraktischen und vermittelnden Angebote. „Wir wollen als Ort der künstlerischen Teilhabe, der ästhetischen Praxis und des generationsübergreifenden Austauschs in die Stadt hineinwirken“, heißt es dazu auf der Website.
Das Theater als Mini Mundus der Gesellschaft, das ist nur mit qualifizierten Mitarbeitenden zu gestalten. Und das muss sich auch künstlerisch bewahrheiten. Zahlreiche Einladungen zu Festivals und Auszeichnungen, spartenübergreifende Netzwerke und künstlerische Kooperationen zeugen von regionaler, nationaler sowie internationaler Anerkennung, und sichern dem tjg einen Platz in der Champions League. Dieser muss allerdings immer wieder neu mit einem modernen Repertoire, mit facettenreichen Autorenschaften und Regiehandschriften sowie experimentierfreudigen Projekten behauptet werden. Und dazu gehört auch der stete Einsatz für die Finanzierung der Theaterarbeit.
Drittens: Felicitas Loewe kann kulturpolitisch kämpfen
Neben der künstlerischen Leitung hat eine Intendantin offensichtlich auch die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass genügend Mittel zur Verfügung stehen. Die sogenannte Lobbyarbeit, die ja in der Kultur der Gemeinschaft zu Gute kommt, gehört zum Geschäft; im Stadtrat und im Landtag, im Dezernat und im Ministerium, bei der Sächsischen Kulturstiftung und der des Bundes, beim Goethe-Institut und der Europäischen Union, in der Jugend- und Sozialpolitik. Präsent warst du im Vorstand beim Deutschen Bühnenverein, der ASSITEJ und im Kuratorium des Fonds Darstellende Künste, allesamt Ehrenämter für das Hauptamt.
Das müsste nicht so sein, wenn die Kulturpolitik in Deutschland nicht immer wieder durch die Finanzpolitik zum Bittsteller degradiert würde. Die derzeitige Krise der Kulturhaushalte kennt kaum konzeptionelle Überlegungen, sondern immer nur sogenannte „Einsparpotentiale“. Aber an der Kultur darf nicht gespart werden! Für wen und was?
Da Sie, versammelte sächsische Festgesellschaft, sich gerne auf ihre kulturelle Tradition berufen, will ich gerne mit einem Beispiel aus der Geschichte aufwarten: Als Dänemark 1813 nach dem Krieg mit den Engländern einen Staatsbankrott erlebte, wurde die Dotierung der Königlichen Akademie der Schönen Künste erhöht. Ja, erhöht! Zum Protest des Finanzministers äußerte der Kronprinz, der spätere Christian der VIII.: „Arm und elend sind wir – lasst uns jetzt auch noch dumm werden, und wir können ruhig aufhören, ein Staat zu sein.“
Felicitas Loewe hinterlässt trotz „Armut und Elend“ eine blühende Theaterlandschaft für junges Publikum in Dresden. Helfen Sie alle mit, dieses große Erbe zu bewahren! Streiten Sie für die Freiheit der Kunst! Lassen Sie es nicht zu, dass rechtsextreme Kräfte mit deutschtümelnder Leitkultur Hand an die künstlerische Selbstbestimmung legen! So wie sie Felicitas Loewe verantwortungsvoll gepflegt hat. Liebe, Feli! Danke!
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Professor Dr. Wolfgang Schneider ist Ehrenpräsident der Internationalen Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche (ASSITEJ), Gründungsdirektor des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland und des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, Vorsitzender des Fonds Darstellende Künste und persönliches Mitglied der Deutschen UNESCO-Kommission.