Nah dran! Schubladen auf! Und ab

von Nikola Schellmann

Mit „Schubladen auf!“ startete das Theater an der Parkaue in der Spielzeit 2023/24 eine neue Veranstaltungsreihe, bei der besondere oder auch wegweisende Kinder- und Jugendtheaterstücke der letzten Jahre (wieder-)entdeckt werden. Neben einer Lesung mit Ensemblemitgliedern gibt es auch Gelegenheit zum Austausch über die kreativen Prozesse und Gedanken der Autor*innen.

v.l.n.r.: Yazan Melhem, Andrej von Sallwitz, Tenzin Chöney, Theresa Henning, Anah Filou, Annalena Küspert, und Maria Milisavljević

Am 20. Juni fand einer dieser Abende in Kooperation mit dem KJTZ statt. Der Weg dahin war auf mehreren Ebenen ein Auf und Ab. Ich beginne aber, bevor das am Ende niemand liest, mit:

Danke an Anah Filou, Lena Gorelik, Annalena Küspert und Maria Milisavljević. 
Danke an Sabine Salzmann, Matin Soofipour Omam, das Ensemble und an die Personen an Einlass, Abendkasse, Technik und Theke im Theater an der Parkaue.
Danke an Gabriela Mayungu und Gerd Taube, bis 2025 gemeinsame Projektleitung von „Nah dran!“. 
Danke an alle Gegenwartsautor*innen für euer Wirken. 
Und kein Danke, sondern eine Bitte an alle, die können: Fördert dieses Schreiben, diese Beobachter*innen der Gegenwart und diese gesprochen-geschriebenen Worte.

AUF:

Die Autorin Maria Milisavljević fragte mich im Frühjahr 2024, ob wir nicht für die Spielzeit 2024/25 gemeinsam an „Schubladen auf! Gegenwartsdramatik für junges Publikum“ arbeiten wollen, als Kooperation zwischen KJTZ und dem Theater an der Parkaue. Sie würde diese Reihe für die besagte Spielzeit mitkonzipieren und moderieren. Ich habe mich sehr über diese Anfrage gefreut, konnte ich doch endlich ein Projekt mit Maria planen, die ich in meiner Arbeit im KJTZ seit 2018 mehrfach zu meinen Veranstaltungen, Tagungs- und Diskursformaten eingeladen hatte und die die Begegnungen, die sie dort machen konnte, weiterführen konnte und diese auch öffentlich wertschätzte. Es bedeutete mir viel, dass aus einigen dieser Einladungen Begegnungen von Personen mit wieder anderen hervorgegangen sind, aus denen Arbeitsprozesse entstanden sind, Preise gewonnen oder Empfehlungen in andere Richtungen ausgesprochen wurden.

Ich habe daraufhin vorgeschlagen, dass wir das Projekt „Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater“ als Ausgangspunkt nehmen und habe alle Stücktexte angeschaut, die seit 2009 in diesem Rahmen gefördert worden waren und seit ihrer Fertigstellung in den Schubladen aka Datenservern des KJTZ lagen. Hier ein Shoutout an die Betreuer*innen der KJTZ-Sammlung, Heide Ottenroth und Anne-Sophie Garthe, ohne deren Hilfe das nicht geklappt hätte. „Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater“ ist ein Kooperationsprojekt des KJTZ und des Deutschen Literaturfonds e. V. und wird mit Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

Tatsächlich interessierten mich dabei vorrangig Texte, die ‚nur‘ uraufgeführt (also kein zweites Mal nachgespielt wurden) oder gar nicht zur Uraufführung gekommen waren (auch davon gab es ein paar). Eine Vorauswahl gab ich an das Theater an der Parkaue zurück und Sabine Salzmann und Matin Soofipour Omam trafen mit Maria die finale Entscheidung. Drei Texte für drei Termine in der Spielzeit 2024/25, als szenische Lesungen jeweils in Anwesenheit der Autor*innen mit einem von Maria moderierten Gespräch:

Anah Filou (li.), Maria Milisavljević (re.)

Am Hafen mit Vogel von Anah Filou, „Nah dran!“-Uraufführung am 17.03.2019 am Hessischen Landestheater Marburg, Regie: Carola Unser

Lena Gorelik war über Zoom zugeschaltet

Als die Welt rückwärts gehen lernte von Lena Gorelik, „Nah dran!“-Uraufführung am 13.01.2022 am PATHOS Theater München, Regie: Judith Huber

Annalena Küspert (li.), Maria Milisavljević (re.)

Andersons Müllfahrt von Annalena Küspert, „Nah dran!“-Uraufführung am 23.02.2020 am Theater Osnabrück, Regie: Birga Ipsen  

AB:

Im Winter 2024 jedoch, als die Kürzungen in der Berliner Theaterlandschaft drastisch wurden, zeichnete sich ab, dass aus drei Terminen einer werden musste. Ich traf Maria und Annalena im Januar bei ihrem gemeinsamen Verlag S. Fischer Theater & Medien in Berlin und wir sprachen ernüchtert darüber, was das bedeutet und was für ein Zeichen das ist. Am 20. Juni sollte nun also ein Treffen der drei Autor*innen im Theater an der Parkaue stattfinden: ein etwas längerer Abend als gedacht, kurze szenische Lesungen hintereinander und aber vor allem das gemeinsame Gespräch über die Texte. Eine solche Kürzung von drei auf einen Einsatz hatte für beteiligte freischaffende Künstler*innen umso mehr Auswirkungen.

AUF:

Ich freute mich sehr auf ein Wiedersehen am 20. Juni mit Maria, Annalena und Anah, die ich während meiner Zeit im KJTZ mehrfach mit Texten oder mit ihrer Schreib- und Denkperspektive zu Veranstaltungen einladen oder bei Kooperationen kennenlernen konnte. Lena konnte nicht vor Ort in Berlin sein und war online zugeschaltet. Mit allen vier Autor*innen hatte ich schon anregende, kluge und schöne Gespräche übers Schreiben geführt und schätze alle sehr.

AB:

Ich besuchte den Abend jedoch nicht ohne Emotionen: Ende April hatte ich meine Arbeit im KJTZ beendet, war hier nur als Gast dabei (auch mal schön, eine eingefädelte Veranstaltung dann ohne weiteres Zutun ‚einfach nur‘ zu besuchen) und merkte aber schnell, wie wichtig mir eine Fortsetzung und Vertiefung dieser Reihe gewesen wäre. Mir fiel keine Fördermöglichkeit ein. Mit gemischten Gefühlen fuhr ich zur Parkaue. Leider waren sehr wenige Besucher*innen vor Ort, ich hatte dem Abend viel Resonanz gewünscht und mich über rege Diskussionen gefreut.

v.l.: Anah Filou, Annalena Küspert, Maria Milisavljević

AUF:

Wenn Ihr demnächst mal etwas moderiert haben wollt, fragt Maria. Es waren tolle, wertschätzende, sehr detailfreudig und feinsinnig beobachtende Gespräche über Figurenzeichnung, Handlungsentwürfe, Schreibprozesse und gesellschaftliche-politische Relevanz der Texte, auch wenn sie alle schon 5-6 Jahre alt sind: Klimawandel, Ökoterrorismus, Klassismus, Wohnungslosigkeit, Regelkonformität, Adultismus, Normativität, Struktur und Systeme, Bedeutung eines Passes, Staatsangehörigkeiten und damit verbundene Verbote und Diskriminierung, Flucht haben in drei sehr unterschiedlichen poetischen Sprachen Ausdruck und Relevanz gefunden. Gelesen von Tenzin Chöney, Theresa Henning, Yazan Melhem und Andrej von Sallwitz wurden Figuren und Dialoge für kurze Zeit ins Studio des Theaters an der Parkaue geholt.

AB:

Das Format „Schubladen auf!“ ist toll. Es ist eine sehr schöne Idee, in kleiner Publikumssituation mit Sofas und Getränken mit den Personen ins Gespräch zu kommen, die sich eine Geschichte ausgedacht und sie aufgeschrieben haben. Darüber ins Gespräch zu kommen, wie prekär dieses Aufschreiben ist oder wessen Texte überhaupt Aufmerksamkeit erfahren – oder warum nicht. Leider fallen solche Formate als ‚Rahmenprogramme‘ der Spielpläne oft weg, sind nicht stark nachgefragt oder es gibt im Personal kaum Kapazitäten, solche Begegnungs- und Diskurs-Abende zu realisieren. Das wäre eine wichtige Tätigkeit im Theaterbetrieb.
Momentan ist leider unklar, wie es mit „Schubladen auf!“ weitergeht.

AUF:

Und ab.


Nikola Schellmann (sie/ihr) ist mit einer *weißen* und nichtbehinderten Perspektive Kuratorin für Austausch- und Diskursformate im Theater- und Kulturkontext. Sie interessiert sich für Situationen, in denen Menschen über Darstellende Künste ins Gespräch kommen – und über die Strukturen, in denen diese entstehen. Sie ist Theaterwissenschaftlerin und war zuletzt Mitarbeiterin für Kommunikation und Fachdiskurs im Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland (KJTZ): Hier hat sie u.a. das „Frankfurter Forum Junges Theater“ von 2019-2024 geleitet und war Herausgeberin und Redakteurin von „ixypsilonzett. darstellende künste & junges publikum“.

Fotos: Nikola Schellmann

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