Kronleuchter gegen die Rechte

10 FORDERUNGEN AN DAS THEATER FÜR JUNGES PUBLIKUM
von Fayer Koch und Mirrianne Mahn

[Dieser Text basiert auf einer Keynote, die Fayer Koch und Mirrianne Mahn gemeinsam am 23.11.2024 im Rahmen des Frankfurter Forums 2024 gehalten haben. Der Text gibt die Meinung der Autor*innen wieder und ist keine Stellungnahme der ASSITEJ Deutschland oder des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik.]  

Erstens: Von der Kunst und Intersektionalität

Was passiert, wenn wir über das Theater für junges Publikum sprechen wollen, und über Adultismus, aber keine Zeit dafür haben, weil alles brennt, weil sich alles dermaßen nach rechts verschiebt? Das ist kein Rechtsruck: Nichts ist hier plötzlich verrutscht. Die Frontex Schiffe sind vor Jahren schon aufs Meer hinausgefahren. Die Papierschnipsel der geschredderten NSU-Akten liegen seit Jahren auf dem Boden – es hat sie nie jemand weggekehrt. Oury Jallohs Bett, was vor Jahren angefangen hat zu brennen, qualmt noch heute. Wenn jemand sagt, er oder sie sei geschockt, dann antworte ich, dass meine queeren Freund*innen und ich uns seit Jahren vor jedem Fußball-Länderspiel in unser Stadt Messages schicken: Pass auf, was du anziehst. Pass auf, wo du lang gehst. Babe: Sag Bescheid, wenn du zuhause bist.
Was sich verändert hat, ist, wie bereitwillig die sogenannte politische Mitte Forderungen der Rechten übernimmt. Hier geht es heute um Wahlen, aber die Rechte weiß, dass sie keine parlamentarischen Mehrheiten braucht, um ihre Politik durchzusetzen. Es wird so oder so gekürzt und sanktioniert und zurückgepusht.

In dieser Situation dürfen wir keine Kompromisse mit der Rechten machen. Wenn ich hier spreche, dann ist es ein Sprechen gegen Verständigung. Es ist ein Sprechen für Debatten, ja, aber mehr noch für ein Ende der Debatten, sobald Menschen ihr gleichberechtigtes Mensch-Sein abgesprochen wird, mit Würde und Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Das Festhalten an der Gleichberechtigung ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft, und weil Theater Teil der Gesellschaft sind, ist es auch eine Aufgabe für Theater.

Unsere Wohlstandsgesellschaft geht manchmal davon aus, Kunst sei ein Luxus und müsse schön und gefällig sein – man stelle sich die Menschen vor, wie sie beseelt abends aus der Oper, dem Theater oder einem Konzert spazieren, mit einem Glas Sekt oder Champagner bei der Vernissage eines renommierten bildenden Künstlers stehen oder im Foyer nach einem zeitgenössischen Tanzauftritt verweilen. Dabei wird oft vergessen, dass Kulturarbeit und -produktion vor allem für den politischen Diskurs eine unverzichtbare Rolle spielen.

Durch Kunst können Diskursräume erweitert werden, und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse können auf eine Weise stattfinden, die etablierten politischen Prozessen oft verschlossen bleibt. Kunst schafft Räume für diejenigen, die sich von der Mehrheit nicht repräsentiert oder gesehen fühlen, und sie kann Verbindungen schaffen, wo vorher keine waren.

Vor 75 Jahren wurde das deutsche Grundgesetz verabschiedet, die geltende Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Zu den darin festgeschriebenen 20 Grundrechten, die als unabänderlich gelten, zählt auch die Kunstfreiheit. Und doch scheint diese Freiheit in jüngster Zeit zunehmend unter Druck zu geraten. Diese Tatsache könnte man einfach so stehen lassen – aber wenn man Intersektionalität versteht, wird schnell klar, dass je mehr Diskriminierungs- und Marginalisierungsmerkmale zusammentreffen, desto mehr sie sich gegenseitig bedingen und teilweise exponentiell verstärken können.

Was geschieht also, wenn wir all diese Aspekte betrachten und dann die Diskriminierungsform des Adultismus hinzufügen? Denn ohne Adultismus auf dem Schirm zu haben, können wir nicht über Theater und Kunst für ein junges Publikum sprechen.

Das Besondere an Adultismus in unserer Gesellschaft ist, dass jeder Mensch ihn erfahren hat – es ist eine Diskriminierungsform, die wir alle am eigenen Körper erlebt haben. Gleichzeitig ist es jene Form der Diskriminierung, der sich die Menschen am wenigsten bewusst sind. Was ist schon normal?

Zweitens: Gesellschaft formt sich, unter anderem, durch die Geschichten, die wir über sie erzählen.

Theater bietet die Möglichkeit für Geschichten von Vielfalt und Veränderung.
Das ist viel. Die Rechte hat das Potential der Theater längst erkannt. Die Rechte sagt, der Kulturbetrieb allgemein und die Theater im speziellen seien ideologisch und entfremdet von den „normalen Leuten“. Die Rechte erfindet eine Klasse der sozial und kulturell Abgehängten, und erklärt sich zur Vertreterin dieser Fiktion. Das Theater für junges Publikum steht dabei umso mehr im Fokus, denn die Rechte tarnt ihren Hass gerne als Sorge, und um niemanden kann man sich zuverlässiger sorgen als um Kinder.
Die Rechte sägt an den Förderungen.. Die Kürzungen in Berlin waren nicht der Anfang – auf dem Land kennt man die neuen Realitäten schon lange. Die Rechte stellt parlamentarische Anfragen. Wenn die Rechte eine Mehrheit in jenem Ausschuss des Landrats hat, indem das Kulturbudget diskutiert wird, dann müssen Theater solidarisch bleiben. Initiativen wie „die Vielen“ müssen gestärkt werden. Dies ist ein Aufruf dazu, dass bei Kürzungen an einem Ort Proteste auch an einem anderen folgen.

Das ist aber auch ein Aufruf dafür, die eigenen Strukturen zu ändern. Denn die Rechte ist nicht nur die AfD. Die Rechte ist auch in uns. Die Rechte in uns ist höflich. Sie würde nie sagen: „Die Macht soll bleiben, wo sie ist“ oder „eure Perspektiven interessieren mich nicht“. Sie sagt stattdessen: „Das ist ein wahnsinnig kompliziertes Thema“.

Alle wollen irgendwie Diversität. Aber ganz konkret ist Diversität eben keine Win-Win Situation (zumindest kurzfristig nicht.) Es ist kein Add-On zu dem Bestehenden. Stattdessen heißt Diversität für manche von uns Macht abzugeben, Chancen nicht zu nutzen, eigene Ideen nicht umzusetzen, das Mikrofon weiterzugeben. Das kann schmerzhaft oder ärgerlich sein, und Schmerz und Ärger sind okay. Gemacht werden muss es trotzdem.

Die Rechte in uns begrüßt Veränderungen, sieht aber Sachzwänge oder Formalitäten, die der Veränderung entgegenstehen. Als ob wir, als Macher*innen von Theater für junges Publikum, keine Expert*innen darin wären, Formen und Regeln zu hinterfragen oder wenn nötig auch mal zu sprengen.

Früher kämpfte die Linke für künstlerische Freiheit, um sich gegen eine konservative Gesellschaft und staatliche Zensur zu behaupten. Heute scheint es, als ob der konservative Flügel der Gesellschaft sich in seiner Rede- und Kunstfreiheit eingeschränkt fühlt. Zumindest entsteht dieser Eindruck, wenn man über Diskriminierung im Kunst- und Kulturbereich spricht.

Die künstlerische Freiheit und Meinungsfreiheit sind zu Hauptargumenten des konservativen politischen Projekts geworden. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es dabei weniger um den Wunsch nach Freiheit, sondern mehr um den Wunsch nach Ausgrenzung geht. Denn allgemein gesprochen geht die Freiheit des Einzelnen immer nur so weit, wie sie die Freiheit anderer einschränkt. Kunst und künstlerische Freiheit sind nun Schauplätze von Kulturkriegen über Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen der Diskriminierung.

Inmitten einer Debatte über die Einschränkung der Kunstfreiheit durch eine angeblich „woke“ linke Blase, wird Kunst aktuell wieder sehr aktiv von rechts eingeschränkt. Wie kürzlich bei einem Theaterstück zu Sexualität und Queerness, genannt „LECKEN“, das nach einer Welle rechter Hetze kurzfristig abgesagt wurde. Das Stück sollte Jugendliche ab 14 Jahren aufklären und sexuell weiterbilden, indem es diverse Aspekte von Körper und Sexualität thematisierte. Rechtsextreme Gruppen wie die „Freien Sachsen“ und Der Dritte Weg hatten öffentlich dazu aufgerufen, die Veranstaltung zu stören, und Hasskommentare auf der Facebook-Seite des Theaters und des Kollektivs hinterlassen. Ein Mitglied des Zwickauer Stadtrats, das den rechtsextremen Freien Sachsen angehört, stellte der Oberbürgermeisterin Fragen zur „Verwaltung von Steuergeldern und zum Jugendschutz“ im Zusammenhang mit dem Auftritt des Kollektivs.

Die extreme Rechte missbraucht die Kunstfreiheit oft als Waffe, um ihre eigenen ideologischen Ziele zu fördern und diskriminierende Ansichten zu verbreiten. Sie nutzt die Angst vor einer angeblichen Einschränkung der Kunstfreiheit, um ihre diskriminierende Agenda voranzutreiben und schafft es doch dabei Kunst, die gesellschaftlich relevante Themen, die gegen ihre eigenen Ideologien gehen zu Unterdrückung. Das alles ohne tatsächliche Mehrheiten in den Parlamenten. Diese Taktik ist nicht nur heuchlerisch, sondern auch gefährlich, da sie den öffentlichen Diskurs vergiftet und die Gesellschaft spaltet.

Es ist daher wichtig zu erkennen, dass die Kritik an kanonisierten und normativen Aspekten der Kunst und ihrer Praktiken nicht zwangsläufig eine Bedrohung der Kunstfreiheit darstellt. Vielmehr nehmen Menschen ihr Recht und ihre Freiheit wahr, Kunst zu kritisieren – und zwar immer öfter auch aus marginalisierter Perspektive.

Es geht also drittens um die Frage was warum gespielt wird – und was nicht.

Das Theater für junges Publikum steht immer unter dem Verdacht des Pädagogischen, doch ein Theater gegen die Rechte muss kein pädagogisches Theater sein. Niemand soll erzogen werden. Vielmehr geht es um eine Verschiebung davon, was Normal ist, wer sichtbar ist und wer nicht, was sagbar ist, ohne für verrückt erklärt zu werden. Ein Stück, was eine solche Verschiebung und auch eine Normalisierung des Utopischen leistet, hat es verdient, auf einem Spielplan zu landen – auch dann, wenn seine Form weniger innovativ ist als die von anderen Stücken. In diesem Sinne wünsche ich mir Stücke, die die Widersprüche innerhalb unser Gesellschaft sichtbar machen. Wütende Stücke, weil es Wut braucht, weil Gleichgültigkeit, finde ich, sozial genauso sanktioniert gehört wie betrunkenes Autofahre. Wut ist roh und verletzlich. Ich will keine ironischen Stücke lesen, denn Ironie ist eine Strategie der Entpolitisierung. Ich will keine Stücke, die sich an die Seite der Menschen am Rand der Gesellschaft stellen. Stattdessen Stücke, die uns daran erinnern, dass Gesellschaften keine Ränder haben, dass die sogenannten Marginalisierten überall waren, überall sind, überall sein werden; dass Gesellschaft ein wackeliges, änderbares Ding ist.

Viertens: Das Theater muss sein Publikum ernst nehmen – das gilt umso mehr im Theater für junges Publikum

In jeder Schulvorstellung gibt es welche, für die die Vorstellung der erste Kontakt zum Theater ist. Deshalb entscheidet die Frage, wer auf der Bühne zu sehen ist und wovon erzählt wird auch darüber, wer die Theaterbesucher*innen der Zukunft sind.

Kinder und Jugendliche haben ein feines Gespür dafür, ob Inszenierungen sie ernst nehmen, ob ihre Welten Platz haben auf der Bühne. Wir, als Akteur*innen des Theaters für junges Publikum, wissen das. Damit haben wir manchen Geldgeber*innen und manchen Intendant*innen von Mehrsparten-Häusern etwas voraus. Wir wissen, dass Insta, Spiele und Handys kein Gegenstück zum Theater bilden, sondern dass beides sich produktiv vermischen kann. Wir wissen, dass veränderte Sehgewohnheiten wertneutral zu begreifen sind und wir kein Korrektiv zu TikTok und Youtube bilden. Wer ist es, der da jammert, dass die Jugend nur am Handy hängt? Ach ja. Es ist die Rechte.

Representation matters – Zusammengefasst geht es um die Veränderung der Machtverhältnisse. Es geht darum, dass Orte und Plätze geschaffen werden, in denen Heterogenität herrscht, in denen nicht immer die gleichen Regeln gelten, in denen auch andere als die selbsternannte Avantgarde die Kontrolle haben. In denen gestört werden darf, auch wenn wir uns alle einig sind, dass Diskriminierung falsch ist. Denn Diskriminierung in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit zu erkennen, bedeutet Störungen, Streit, Uneinigkeit und viele komplexe, unangenehme Debatten. Und dafür müssen alle an den Tisch: Betroffene, nicht Betroffene und die Avantgarde mit ihrem Rucksack voller Privilegien. Diese Räume gibt es im Kulturbereich leider noch viel zu wenig, und das ist traurig, beschämend, entmutigend und für Menschen wie mich auch bedrohlich. Denn in der Konsequenz bedeutet es den Erhalt des „Immer-so-Dagewesenen“ auf Kosten vieler marginalisierter Menschen in Deutschland.

Die ASSITEJ-Wahlen haben erneut gezeigt, dass die Forderung nach Diversität und struktureller Veränderung oft nicht mit den tatsächlichen Handlungen übereinstimmt. Trotz zahlreicher Reden über Inklusion und Repräsentation wurde die Chance verpasst, diese Prinzipien aktiv umzusetzen. Besonders deutlich wurde dies, als drei POC-Kandidat*innen sich entschieden, nur als Trio zur Wahl anzutreten – ein bewusster Schritt, um gemeinsam marginalisierte Perspektiven im Vorstand zu stärken. Statt als notwendige Veränderung anerkannt zu werden, wurde diese Entscheidung kritisiert. Es entstand der Eindruck, dass es nicht an Möglichkeiten zur Veränderung fehlte, sondern am Willen, diese tatsächlich anzugehen. Ali Napoé hat diesen Widerspruch in einem offenen Brief an die ASSITEJ adressiert und dabei sehr treffend formuliert:

„ […]Jede*r kennt die Neujahrsvorsätze, die man sich vornimmt und aus x-Gründen letztendlich doch nicht umsetzt. Das besondere Phänomen dabei ist, dass man sich wundert wieso die anderen einen nicht mehr ernst nehmen. Albert Einstein sagt“Wahnsinn ist es, das gleiche zu tun und dabei ein anderes Ergebniss zu erwarten“. Die anderen wollen es sehen, bevor sie einem Glauben schenken, sonst halten sie uns für unglaubwürdige Wahnsinnige, die man nicht ernst nehmen muss. Und genau das ist heute meiner Meinung nach zu beobachten gewesen. Man hörte die Wünsche und vermisste die darauffolgenden Taten. Die eigene Bewusstheit über die eigenen Wünsche verblasste gegenüber dem Fehlen des eigenen Handelns.

Auch die Demokratie hat ihre Schwachstellen. „Es ist ein demokratischer Prozess und so hat es zu laufen“ zeigt vieles auf. Zum einen bestätigt es eine Resignation und die fehlgeleitete Wahrnehmung, dass das System unfehlbar ist, und man somit an der Starrheit der Struktur nicht rütteln will. Und zum anderen, dass man nicht an die eigene Wirkungsmacht glaubt, die Struktur verändern zu können. Dann ist die Struktur eine Rechtfertigung hinter der man sich versteckt, weil man die Energieleistung nicht bringen will seine Komfortzone zu verlassen. Ich möchte niemandem schlechte Absichten unterstellen, aber genauso wie auf Allergene oder vegetarisch-veganes Essen bestanden wird, sollte jede*r von uns Diversität vorleben, insbesondere dann, wenn man es auch lauthals fordert, nicht nur auf Podien oder in Anträgen. Ihr Fehlen ist bei der Wahl und dem Umgang danach aufgefallen. Zu diesem Zeitpunkt hat der Mut gefehlt, inne zu halten und sich selbst zu hinterfragen. Brigitte hatte Eingangs gesagt, dass wir alle Suchende sind und da fehlte mir der Mut des Verbandes zu erkunden, welche Möglichkeiten alternative Konstellationen geboten hätten. Es wird an der Struktur festgehalten auch wenn sie uns kaputt macht.

Abschließend möchte ich äußern, dass ich an die Stärke des Verbandes glaube. Ich wünsche mir, dass mein Schreiben dazu beiträgt, dass alle Mitglieder*innen sich mit den eigenen Is-men auseinandersetzen und wir so unser aller Anliegen vereinen können. […]“

– Ali Napoé

Ich gehörte zu den Kindern, die recht früh sprechen und dann auch früh lesen konnten. Wie viele Kinder war ich leicht von den Geschichten, die ich las, beeindruckbar und ihnen ein Stück weit schutzlos ausgeliefert. Diese Geschichten fand ich auch oft auf der Bühne wieder, wenn ich mit meinen Großeltern oder meiner Schulklasse ins Theater ging. Ich war davon überzeugt, dass gute Geschichten, die es am Ende auf die Bühne und in die Welt schafften, jene waren, in denen Menschen wie ich nicht vorkamen. Es waren einzelne Geschichten – Geschichten aus der immer gleichen Perspektive. Pippi Langstrumpf segelte nach Taka-Tuka-Land, wo sich die kleinen N*-Kinder ihr zu Füßen warfen und sie als Prinzessin huldigten.

Jim Knopf wurde vor zwei Jahren 60 Jahre alt. Dass der kleine Schwarze Junge in einer Kiste an Land gespült wurde und die Perspektiven dieser Geschichte problematisch sein könnten, erschloss sich Michael Ende damals vielleicht nicht. Michael Ende wollte gerne eine antirassistische Geschichte schreiben, was er teilweise natürlich auch tat. Aber die Perspektive, aus der er schrieb, blieb die westliche koloniale Sichtweise auf Schwarze Menschen, die fröhlich und lustig sind und darauf warten, von einem weißen Menschen gerettet zu werden.

Welche Rolle spielt die Figur des Schwarzen? Warum wurde das vor 60 Jahren so geschrieben? Wie würde man Jim Knopf heute aufschreiben? All das muss in einer heutigen Kunstpraxis eingeordnet werden. Ohne eine solche Einordnung setzt sich das Unterbewusstsein weiter fest, dass Menschen nicht gleichwertig seien. Diese alte weiße Geschichte beschreibt einen kleinen Schwarzen Jungen, wie ihn weiße Menschen sehen.

In den heutigen Theaterinszenierungen gibt es noch viele Probleme, auf die ich eingehen möchte. Schwarze Figuren werden häufig von Weißen dargestellt, mit stereotypischen Kostümen. Da ist sie wieder, die Perspektive der alten, weißen Geschichte. Die Abwesenheit bestimmter Körper, die Erfahrungen der „Anderen“, werden vereinfacht und plattgedrückt. Ihnen wird die Würde genommen.

Ich begann, auch diese Geschichten zu erzählen, aus genau dieser Perspektive. Selbst wenn meine Charaktere auch mal so aussahen wie ich, zielte ich oft darauf ab, dass meine weiße Leserschaft – oft meine Lehrerinnen und Großeltern – Mitleid mit ihnen haben sollte. Damals hatte ich noch nicht verstanden, dass eine Geschichte berühren konnte, ohne Mitleid zu erregen. Das Mitleid stellte sich schnell ein, ebenso wie das Lob meiner Klassenkameradinnen und der Jury des jährlichen Schreibwettbewerbs, denen die stolze Lehrerin meine Geschichten vorlegte. Ich schrieb alte weiße Geschichten.

Was hat das nun mit Diversität zu tun? Man kann nicht über eindimensionale Perspektiven sprechen, ohne über Macht zu sprechen. Mit Macht meine ich die Deutungshoheit. Wer erzählt die Geschichten? Und warum? Wer sind die Akteurinnen hinter der Bühne? Die Autorinnen und Dramaturg*innen? Wo sind die Nonbinären Körper, die Körper von Menschen mit Behinderungen? Die Körper von Schwarzen Menschen und People of Color? Und wenn sie es auf die Bühne schaffen, was machen wir mit ihnen? Sind sie tatsächlich sichtbar in ihrer Vielfalt und aus verschiedenen Perspektiven, oder erzählen wir wieder nur die alte, weiße Geschichte? Haben diese Charaktere Würde? Ist eine Haltung sichtbar? Können sie empowern? Oder lösen sie vor allem Mitleid aus?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Erzählen vielfältiger Geschichten zunächst mir selbst und dann anderen und der Welt ein revolutionärer Akt ist.

Wenn Mirrianne von Deutungshoheit spricht, dann denke ich auch an die Verteilung der Macht zwischen Erwachsenen und jungen Leuten. Fünfte Forderung: Jede Auswahl im Theater für junges Publikum sollte unter Beteiligung junger Menschen zustande kommen. Ihre Meinung sollte nicht nur gehört werden, sondern tatsächlich Gewicht haben. Teilhabe heißt Teilhabe an der Macht, und weil die Macht bisher vor allem bei uns Erwachsenen lag heißt das, Erwachsene müssen Macht abgeben. Macht über die Gestaltung der Graffitiwand. Macht über die Spielpläne. Macht über die Finanzen und die Vertragsverlängerungen.

Viele Häuser erproben Formen der geteilten Macht. Es gibt Festival-Philosoph*innen, Kinder- und Jugendbeiräte, altersgemischte Jurys. Eine Intendanz aus Kindern, das wäre mal ein Ziel.
Im Alltag des unterfinanzierten Theaterbetriebs heißt Teilhabe konkret jedoch oft vor allem Mehrarbeit für Dramaturgie und Theaterpädagogik. Es braucht deshalb feste Stellen jenseits der Vermittlung, die sich um Kinder- und Jugendbeteiligung kümmern, die junge Menschen begleiten, adultistische Strukturen aufbrechen und das Wissen auch über die Theater für junges Publikum hinaustragen.

Wir alle in diesem Raum sind Expert*innen in Sachen Partizipation. Wir alle sind Expert*innen darin, das Publikum ernst zu nehmen und unsere künstlerischen Prozesse transparent zu gestalten. Andere Sparten können von uns und unseren Erfahrungen lernen.

Im Theater für ein junges Publikum spielen Macht und Adultismus eine bedeutende Rolle, da Erwachsene meist entscheiden, welche Inhalte das junge Publikum erreicht. Diese Entscheidungsmacht ist oft wenig hinterfragt – und das in einer Umgebung, in der die meisten Kinder und Jugendlichen das Theater nicht aus eigenem Antrieb besuchen, sondern weil es Teil des Schulprogramms ist. Daraus erwächst eine besondere Verantwortung für Theaterschaffende, sich so zu sensibilisieren, dass sie ihrem jungen, diversen Publikum gerecht werden. Ein solcher Zugang erfordert ein tiefes Verständnis für die Lebensrealitäten und Bedürfnisse der Zuschauer*innen und sollte verhindern, dass die Perspektiven junger Menschen nur oberflächlich abgehandelt oder pädagogisiert werden.

Die Arbeit in diesem Bereich kann als eine unterbezahlte Königsdisziplin gelten, die jedoch umso mehr ein kreatives „Out-of-the-Box“-Denken verlangt. Wie können wir Räume schaffen, die Heterogenität und authentische Teilhabe fördern, in denen Theatermacher*innen bewusst Macht abgeben? Es bedarf neuer Ansätze und Formen, die den Erwartungen und Gewohnheiten junger Menschen gerecht werden, vielleicht auch solcher, die das Publikum aktiv einbeziehen, indem sie die Perspektiven junger Menschen ernst nehmen und sie selbst Teil des Gestaltungsprozesses werden lassen. In einer solchen Umgebung könnten sowohl Erwachsene als auch junge Menschen erleben, was Theater in seiner transformierenden Kraft wirklich bedeutet.

Sechstens: Der Literaturbetrieb muss sich verändern

Mirrianne, ich mag deinen Begriff der unterbezahlten Königsdiziplin. Und ich will einen Moment an die internen Strukturen dieser Königsdisziplin heranzoomen, an die Mechanismen, die die Unterbezahlung hervorbringen.

Im Vorfeld habe ich einen Post bei Insta gemacht. Ich hab gefragt: „Literaturbubble: „Was stört euch an Auswahlen? Was an den Jurys? Was an den Wettbewerben?“
Sina Ahlers schreibt: „Von Wettbewerben wünsche ich mir mehr Vorschussvertrauen. Ich zeige vergangene Texte von mir und dann will ich, dass mir ein nächster Text zugetraut wird, den es noch nicht gibt. Von dem vielleicht nur ein kleiner Gedanke existiert, jedenfalls keine ausgeschriebenen Szenen oder ein Konzept.“
Katharina Bendixen sagt, sie wünsche sich mehr Breiten- und weniger Spitzenförderung. Mehr Kontinuität in der Förderung. Lebenslange Förderungen sogar. Altersgrenzen bei Wettbewerben abschaffen.
Eine Autorin, die anonym bleiben will, schickte mir das Screenshot einer Ausschreibung, bei der gefordert wurden, Bewerber*innen sollten ihr Werk in Bezug zu dem Werk Hans Arps setzen.
Slata Roschal hielt im Mai dieses Jahres ihre Poetikdozentur über den Literaturbetrieb und zitierte dort den Lyriker Alexander Estis, der beschreibt, wie es ist, sich erst in ein Schreibstipendium hineinzuträumen und dann jäh von den Bedingungen der Ausschreibung hinausgerissen zu werden: „Du bist nicht mehr 35, du hast keine drei aufgeführten Theaterstücke geschrieben, du hast kein fünfzig-seitiges Manuskript zum Thema soziale Ungerechtigkeit in der Schublade rumliegen, du stammst nicht aus Hessen, du lebst nicht im Ennepe-Ruhr-Kreis und, so tragisch das ist, du schreibst nicht über Magdeburg und auch nicht über Gotha.“
Sie selbst, erzählt Roschal weiter, habe einen produktiven, aber nervigen Umgang damit gefunden. Roschal erzählt von einem Lyrikprojekt, bei dem sie sich auf verschiedene Stipendien beworben habe. In einer Bewerbung habe sie über ihr Lyrikprojekt geschrieben: „Dafür eignet sich Stuttgart als Industriezentrum, als eine Stadt für Millionäre und Migranten, mit explodierenden Immobilienpreisen und sozialen Kontrasten auf besondere Weise.“

Roschal erzählt: „Also das war quasi ein Satz, den ich geschafft habe zu formulieren. Dann war die Frage, was soll ich über das Naturgebiet Spreewald schreiben, weil da kenne ich nur die Gurken, und dann schreibe ich genau das Entgegengesetzte, dann sag ich: Dieses Naturgebiet bildet einen Kontrast zu den Großstadttexten im Buch und kann den roten Faden zu Naturbezogenen, provinziellen Orten verstärken.“
Die Arbeit als Autor*in ist ganz maßgeblich eine nie endende Meta-Arbeit, ein beständiges Anbieten, Hinbiegen, Anbiedern. Wir sind so beschäftigt mit unseren Exposés, wir haben kaum Zeit mehr für die Kunst.

Das ist nur vordergründig ein Problem von uns Autor*innen. Es ist auch ein Problem des Politischen. Ich will Stücke von Autor*innen, die neben der Kunst Vollzeit Angehörige pflegen. Stücke von Autor*innen, die nichts erben, die zwei Jobs parallel haben und deshalb keine Zeit, um nach Verbindungen zwischen ihrem Werk und der Naturregion Spreewald zu suchen. Ich will Stücke von Weirdos, die nicht gut networken können. Stücke von Autor*innen, die Hans Arp nicht kennen, und denen er auch egal ist, die ihr Motivationsschreiben mit den Worten beginnen: Ich bin wütend, und ich weigere mich, meine Wut auf der Wikipedia-Seite von Hans Arp zu vergeuden.

Ja, Wut. Ich finde, wir sprechen viel zu wenig über Wut. Jetzt ärgere ich mich darüber, dass ich nicht selbst auf die Idee gekommen bin, über Wut zu sprechen, aber hier zeigt sich wahrscheinlich auch unsere unterschiedliche Positionierung. Fayer ist weiß, ich bin Schwarz. Fayer ist non-binär, ich bin eine Frau. Jetzt bin ich wütend, weil ich in all dieser Verbundenheit doch auf unsere unterschiedlichen Marginalisierungsmerkmale eingehen muss, auf unsere unterschiedlichen Perspektiven.

Wenn ich sage, ich bin wütend, heißt das nicht, dass ich explodieren will oder explodiert bin. Doch ich kann mir sicher sein, dass in den Berichten, in den Erzählungen über genau diese Veranstaltung weitererzählt werden könnte: Mirianne war schon wieder wütend. Ich schreie nicht, ich habe nicht geschrien. Ich habe meine Hände nicht in die Luft geworfen, nicht in die Hüften gestemmt oder mit meinen Fingern geschnippt. Wenn ich sage, ich bin wütend, dann meine ich damit, dass ich den Leuten klar und deutlich sage, was nicht akzeptabel ist, was sie unterlassen oder ändern müssen, was sie sagen oder tun. Und das trifft nicht immer auf Zustimmung.

Danke, Fayer, dass du die Wut angesprochen hast. Die Reaktion auf die Wut einer Schwarzen Frau ist meist Gaslighting, Empörung, Defensivität, irgendeine Bemerkung darüber, dass ich die Ernsthaftigkeit der Realität nicht verstehe, dass ich die Mehrheit unterdrücken will – für mich, die „Minderheit“. Für sie ist es keine große Sache, nur ein einmaliger, trivialer Moment, eine Kleinigkeit, über die wir nicht weiter nachdenken sollten. Einfach den Mund halten, wenn alle anderen den Mund halten, oder einfach „Ja“ sagen, wenn dein Name aufgerufen wird. Sie wollen uns sagen, dass sie an unserer Stelle kein Aufhebens machen würden. „Schau doch mal, die anderen kriegen es doch auch hin.“

Schwarze Frauen haben ein Recht auf unsere Gefühle. Ich habe das Recht, wütend zu sein, wenn jemand eine rassistische Bemerkung macht, wenn meine Ideen abgelehnt werden. Ich habe das Recht, wütend zu sein in einer Woche, in der nicht nur international, sondern auch national meine Rechte in Frage gestellt und gefährdet werden. Wir haben ein Recht auf die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen, genau wie jeder andere auch. Wir haben ein Recht darauf, unsere Wut auszudrücken. Wut sagt uns, wenn etwas nicht in Ordnung ist; sie motiviert uns, für unsere Rechte zu kämpfen und groß zu fordern. Denjenigen, die alles in ihrer Macht Stehende tun, um unsere Wut in eine Schublade zu stecken, sage ich: Wir werden nicht länger schweigen, nicht vor uns hinköcheln.

Sie benutzen unsere Wut als Waffe, um uns jede Form des Zugangs zu der Macht zu nehmen, die wir brauchen, um etwas zu verändern. Aber wir melden uns zu Wort. Wir bringen unsere Wut zum Ausdruck. Wir nutzen die Kraft unserer Wut für das Gute. Diese Wut, von der ich spreche, ist nicht die schreiende, brüllende, händewerfende Art. Die Wut, von der ich spreche, ist die Art, die ein Feuer der gerechten Wut im Bauch entfacht, die Art, die eint und Veränderungen erzwingt. Diese Art von Wut kann die Welt verändern. Sie motiviert mich, diesen Text zu schreiben, den du gerade liest. Diese Art von Wut motiviert mich, auf Podiumsdiskussionen zu sprechen, für Ämter zu kandidieren oder den Koalitionszwang zu brechen. Wut wie diese motiviert mich, gegen alle Formen der Diskriminierung zu kämpfen. Wut ist eine Bestätigung meiner Menschlichkeit. Ich bin wütend, wir sind wütend, weil wir uns sorgen, weil wir in dieser Welt leben, und weil es eine anstrengende, schöne und komplizierte Sache ist, dieses Leben, wenn wir uns nur trauen.

Ich bin wütend bei jeder Absage von Wettbewerben. Siebtens: Autor*in sein ist ein konstantes Ausgewählt-Werden bzw. vor allem ein konstantes Nicht-Ausgewählt-Werden. Es ist eine Übung im Umgang mit Neid. Ich habe eine Stimme in mir, die ich meinen inneren Clemens Meyer nenne. Die Stimme flüstert mir zu, ich hätte diesen oder jenen Preis mehr verdient als die eigentliche Gewinner*in. Furchtbar! Doch wenn die Stimme verstummt, ist es noch schlimmer. Dann denke ich still, dass ich den Preis nicht verdient habe. Dass ich nie einen Preis verdienen werden. Dass ich, #Mental Health, allen erfolgreicheren Kolleg*innen entfolgen sollte.
Neid verhindert Allianzen. Neid verhindert Solidarität.

Ich weiß: Irgendwie muss eben sortiert werden. Es wird zu viel produziert, und außerdem wär ja auch eine Wiederaufnahme mal schön.
Doch wenn wir schon sortieren müssen, dann so, dass das Solidarische belohnt und gefördert wird. Ich war beim Retzhofer Dramapreis nominiert, gemeinsam mit neun anderen. Preisgeld: 10.000 Euro. Wir trafen uns über fast ein Jahr hinweg zu Textwerkstätten, und am Ende sollten zwei von uns zehn je 5000 Euro bekommen, die anderen leer ausgehen. Wir verabredeten uns, das Preisgeld zu teilen, was nicht nur mathematisch naheliegend ist, sondern auch menschlich.
Doch warum liegt diese Aufgabe an uns? Warum belohnt uns der Betrieb, wenn wir einander Steine in den Weg legen, Ausschreibungen nicht weiterleiten, hilfreiches Feedback nicht geben, Kontakte nicht teilen? Und vor allem: Was für Stücke bringt so ein System hervor?
In unsolidarischen Strukturen entstehen keine Stücke, die von Solidarität handeln. Doch genau diese Stücke braucht es gerade.
Was heißt das konkret? Martina Hefter schlägt vor, Preisgelder unter allen Nominierten zu verlosen. Eine Freundin aus Belgien berichtet mir, dort gebe es ein projektunabhängiges Grundeinkommen für Künstler*innen. Ein anderer Freund plädiert für mehr Autor*innen-Förderung jenseits von Festivals und Preisausschreibungen, da wo sie hingehört: Direkt an den Theatern. Hausautor*innenschaften, Stücklabore, solche Sachen.


Doch vielleicht ist eine grundlegende Haltung wichtiger als die einzelnen Maßnahmen. Nicht die Profilierung der Institutionen darf im Zentrum stehen, und auch nicht, wie Slata Roschal schreibt, „die Förderung der Floristik-Unternehmen und der Catering-Betriebe“, sondern die Förderung der künstlerischen Prozesse. Und das heißt in der Gegenwartsdramatik eben maßgeblich Autor*innen-Förderung.

Kunst in Wettbewerbe und Jurys zu fassen, bringt uns immer wieder an die Frage: Kann man Kunst bewerten? Und falls ja – geht das überhaupt objektiv? Denn sobald wir bestimmte Kriterien auswählen, nach denen wir Kunst beurteilen, müssen wir auch fragen: Welche dieser Kriterien können wirklich von sich behaupten, die Qualität von Kunst zu erfassen? Wer hat diese Kriterien festgelegt? Diese Festlegungen stammen oft aus Perspektiven und Institutionen, die bestimmten Kunstformen, Themen und Darstellungsweisen Vorrang geben – und auch die Deutungshoheit über „Qualität“ beanspruchen.

Für mich stellt sich die Frage, wie eine gerechtere Form der Bewertung aussehen kann, eine, die die Vielfältigkeit von Perspektiven, Geschichten und Körpern nicht nur anerkennt, sondern zur Grundlage der Bewertung macht. Ein System, das nicht darauf abzielt, in einer Linie von oben zu entscheiden, sondern solidarisch fördert und echte Allianzen zwischen Künstler*innen ermöglicht. Denn die Frage nach der Qualität von Kunst ist auch eine Frage nach Macht und der Deutungshoheit darüber, was als wertvoll gilt und was nicht. Und vielleicht denken wir jetzt mal an etwas komplett Verrücktes? Braucht es denn überhaupt diese Wettbewerbe? Welchen Mehrwert bringen sie für unser solidarisches Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft? Welchen Wert bringen sie für eine Kunst und Kulturlandschaft, die das Immersodagewesene immer und immer wieder reproduziert und wäre es nicht an der Zeit Plattformen und Formate zu erschaffen, die Konkurrenz durch Solidarität ersetzen?

Achtens: Autor*innen-Förderung bedeutet, dass die Jurys sich verändern müssen. In Reaktion auf meinen Insta-Post plädiert Sina Ahlers für Jurys, in denen keine Geldgeber*innen sitzen.
Eine Autorin, die anonym bleiben will, schreibt, sie wünsche sich, dass Preisvergaben per Mail oder Anruf verkündet werden, nicht auf großer Bühne.


Ein Autor bezeichnete die Vorstellung, dass sich in Wettbewerben quasi natürlich der beste Text durchsetze, als Kulturdarwinismus, und fordert, es müsse endlich anerkannt werden, dass die Welt des Theaters dermaßen klein sei, dass sich selbst bei anonymen Ausschreibungen leicht ergoogeln lasse, von wem welches Stück sei, und es also mindestens zum Teil um ein Wer-Kennt-Wen ginge.
Katharina Bendixen schreibt, sie wünsche sich, dass nicht die immergleichen Leute in den Jurys sitzen. Jeder*r nur in einer Jury, fordert sie, und außerdem: Transparenz in den Entscheidungen: Was sind die Kriterien?
Ach, und klar: Jury divers besetzen.

Ich stimme zu, aber will hinzufügen, dass Diversität kein Selbstzweck ist. Queers, BiPoCs und Menschen, die behindert werden, verfügen durch die Realität ihres Alltags über besonderes Wissen. Deshalb, und nicht als Schmuckstück, sollten sie Teil von Jurys sein.

Anfang des Jahres war ich Teil einer Jury, bei dem ein Stück mit genderqueeren Protagonist*innen diskutiert wurde. Im Stück verwendete eine Figur immer wieder ohne Not den Deadname der Protagonist*in, also jenen Namen, den sie*er abgelegt hat. Ich äußerte Kritik daran, und zwar nicht (oder nicht nur), weil ich bei dem Thema empfindlich bin, sondern weil ich als genderqueere Person eine Kompetenz darin habe, die Problematik in diesem Umgang zu benennen und auf Alternativen zu verweisen: In der Serie „Queer as Folk“ zum Beispiel wurden Deadnames in Rückblenden konsequent überpiept wie sonst bei Schimpfwörtern. Ein Piepen, dass ein Auslassen markiert, ohne dass der Kontext darin verloren geht.
Die Expert*innen für die Lebensrealität von jungen Menschen sind übrigens natürlich noch immer junge Menschen selbst.

Neuntens: Theater sind Austauschräume, aber sie sind auch zivilgesellschaftliche Akteure mit Ressourcen. Ein politisches Theater macht seine Ressourcen transparent und bietet da, wo es möglich ist, eine Zusammenarbeit an.
Neben dem Schreiben bin ich in einer Gruppe gegen die Bezahlkarte aktiv. Wir organisieren Umstausch-Aktionen, bei denen Geflüchtete mit ihren Bezahlkarten Geschenkkarten in Supermärkten kaufen, die sie dann bei uns gegen Bargeld tauschen. Unsere Gruppe geht dann mit stapelweise Lidl oder Rewe Geschenkgutscheine in linke Läden und verkauft sie dort. Ich wünsche mir so einen Gutscheintausch an der Theaterkasse. Ich wünsche mir, dass wir Mailadressen austauschen, um die Details zu klären, und dass ich vor der nächsten Demo dann schreiben kann, ob wir unser Banner im Foyer malen dürfen. Da ist Platz. Da kann man den Stoff so gut ausbreiten. Kannst du gerne. Viel Kraft dir auf der Demo. Viel Kraft euch auf der Probe.

Zehntens: Theater gegen die Rechte

Eines meiner Lieblingsgedichte heißt CONTRA LA POLICIA von Miguel James. Hier ist das Gedicht in der Englischen Übersetzung von Guillermo Parra, auf das ich ursprünglich durch einen Essay von Anne Boyer gestoßen bin:

AGAINST THE POLICE (Auszug)
My entire Oeuvre is against the police
If I write a Love poem it’s against the police
(…)
If I speak wildly in my poems I speak against the police
And if I manage to create a poem it’s against the police
I haven’t written a single word, a verse, a stanza that isn’t
 against the police
 All my prose is against the police
 My entire Oeuvre
Including this poem
 Is against the police.

Lasst uns dafür sorgen, dass all unsere Arbeit auch eine Arbeit gegen die Rechte ist. Lasst uns jede Jury zu einer Jury gegen die Rechte machen. Lasst uns jedes Stück ohne Worte für Publikum ab drei zu einem Stück ohne Worte für Publikum ab drei gegen die Rechte machen. Lasst uns die Kronleuchter im Foyer zu Kronleuchter gegen die Rechte werden lassen; Drehbühnen gegen die Rechte, Premierenfeiern gegen die Rechte, Spielzeitmottos gegen die Rechte, flexible Bestuhlung gegen die Rechte, Notausgänge gegen die Rechte, Theater gegen die Rechte, also Theater für Solidarität und für die Normalisierung der Vielfalt.

Rosa Parks und andere haben mich dazu inspiriert, mich in – wie ich es nenne – gute und notwendige Schwierigkeiten zu begeben. Zu stören. Und ich glaube, dass wir in den kommenden Jahren Generationen haben werden, die bereit sind, zu stören, gute Störungen, notwendige Störungen. Die uns in Sphären führen, die wir nie für möglich gehalten haben. Es ist ein Kampf, der nicht einen Tag, eine Woche, einen Monat oder ein Jahr dauert. Es ist der Kampf eines ganzen Lebens, oder vielleicht vieler Leben.

Die nächste Generation wird dazu beitragen, dass diese Gesellschaft sich der Unterschiede zwischen Menschen gleichzeitig mehr aber auch weniger bewusst sein wird. Denn Gleichberechtigung und Gesellschaft bedeutet nicht das Gleiche für Alle. Lasst uns dafür sorgen, dass all unsere Arbeit auch eine Arbeit für eine offene, vielfältige und solidarische Gesellschaft ist.

Lasst uns jede Jury zu einer Jury für Inklusion und kreative Freiheit machen.

Lasst uns jedes Stück für Publikum ab drei so gestalten, dass es Räume öffnet für Dialog, Empathie und Verständigung.

Lasst uns die Kronleuchter im Foyer zu Kronleuchtern für Begegnung und Offenheit machen; die Drehbühnen zu Plattformen für Perspektivwechsel, Premierenfeiern zu Festen der Vielfalt, Spielzeitmottos zu Statements für Diversität, flexible Bestuhlung zu einer Einladung an alle, sich gesehen und willkommen zu fühlen.

Lasst uns Theater schaffen, das für Solidarität steht, für die Kraft der Gemeinschaft und für die Normalisierung von Vielfalt – nicht nur gegen die Rechte, sondern für die Vision einer Welt, in derjede*r Platz hat. Ein Theater, das den Mut hat, die verschiedenen Stimmen unserer Gesellschaft hörbar zu machen und Räume für Menschen zu schaffen, die sich sonst am Rand fühlen.

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