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Text von Frida Jürgens und Noah Thalia Schoeller
Das WESTWIND-Festival 2025, das dieses Jahr in Düsseldorf stattfand, begann in den Eröffnungsreden mit einem narrativen Element, das sich in einem Großteil der ausgewählten Inszenierungen wiederholte. Es begann mit dem Mut, die Krise anzusprechen und mit dem Mut, nicht dort stehen zu bleiben. In seiner Rede legte Stefan Fischer-Fels (Leiter des Jungen Schauspiels Düsseldorf) einen großen Fokus auf die aktuellen Kürzungen mehrerer Fördermodelle in NRW, die besonders die freie Szene betreffen. Er bezeichnete die Entscheidung der Kürzungen für Kinder- und Jugendtheater als “ein Sparen an den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft und all jenen, die für sie arbeiten”. Besonders stark wurden diese Worte an den anwesenden Abteilungsleiter im Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW gerichtet, Dr. Michael Reitemeyer, der direkt für die Kürzungsentscheidung mitverantwortlich ist. Aber der Appell endete nicht in einem Vorwurf, sondern in der Übergabe “der Bürde unserer Hoffnung”. Auch Angela Merl (ASSITEJ-Vorstandsmitglied) sprach neben klar formulierter Kritik besonders von der Kraft des Kinder- und Jugendtheaters und öffnete sehr direkt den Dialog. Mehrfach wurde der Wunsch nach einem Gespräch zwischen betroffenen Künstler*innen und Politiker*innen betont, das so im Verlauf des Festivals auch tatsächlich spontan organisiert werden konnte. Diese hochpolitische Eröffnung setzte den Ton für den Rest des Festivals – machte Hoffnung, Solidarität und den klaren Wunsch, tatsächlich ins Gespräch zu kommen, hörbar.
Und auch in den Inszenierungen spiegelte sich der Aspekt der Krise auf ganz unterschiedliche Weise wider und wurde verschieden verhandelt. So begannen beispielsweise die Stücke “Was ihr wollt” (COMEDIA Theater, Köln) und “DemoCrisis” (Treibkraft.Theater, Hamm) mit der konkreten Aussage, dass wir uns in einer akuten Krise befinden. “Was ihr wollt” schloss damit an, trotzdem zu spielen, in dem Wissen der Notwendigkeit von Kunst gerade in schweren Zeiten – während “DemoCrisis” in einem interaktiven Theater-Escape-Room Setting versuchte, die Demokratie JETZT zu retten, akut, alle zusammen in einem Raum. In “Der bleiche Baron” (KOPERGIETERY & KGbe., Belgien) wurde die Krise, die durch ein totalitäres, stark zensierendes Regime entsteht, zur Rahmenfiktion des Konzertabends, die sich mit jedem Song mehr erschloss. In dem Stück “in liebe,” (c.t. 201, Köln) wurde die Geschichte zweier Freund*innen erzählt, die beide auf ihre eigene Weise nicht überwinden können, dass Femizide und konkret der Femizid an Hatun Sürücü in Deutschland alltäglich sind. Jeden zweiten Tag wird in Deutschland eine Frau getötet, was im Stück aktiv benannt und greifbar gemacht wurde. Hierbei blieb die Gewalt nicht abstrakt, sondern es bestand der Mut, sie spürbar werden zu lassen. An diesem Punkt wurde nicht stehengeblieben, sondern es wurden mögliche Verarbeitungs- und Überlebensprozesse anhand zweier sehr unterschiedlicher Frauenfiguren skizziert. In dem Stück “Bad Bugs” (Theater Marabu, Bonn) spielten vom Aussterben bedrohte Käfer auf dem Beton, der ihre Lebensgrundlage zerstört, rockig punkige Lieder. In “Suits” (Urban-Arts-Ensemble des Theaters Oberhausen) spielten Schwarze Tänzer*innen auf der Bühne mit dem Publikum “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?”, und konfrontierten es dabei schonungslos mit seiner eigenen Gewalt.
Und doch blieb keine der Inszenierungen eine einzige Beschreibung und Benennung der Krise, vielmehr wird sie als Kontext verhandelt. Manche Inszenierungen boten Lösungen, – die “Bad Bugs” brachen den Beton auf, “DemoCrisis” versuchte in seinem planspielartigen Aufbau demokratische Vielstimmigkeit zu erzeugen – während andere Stücke individuelle Umgangsformen zeigten. So erzählte “Der bleiche Baron” eine Fluchtgeschichte, “in liebe,” verhandelte alltägliche Lebensrealitäten von FLINTA* und “Suits” schaffte ein überwältigendes Gefühl von Resilienz, Community und Zusammenhalt. Auch in der inszenierten Entscheidung bei “Was ihr wollt”, die Krise zu Anfang und zum Ende zu benennen, zwischenzeitlich zu ignorieren und trotzdem zu spielen, trotzdem zu lachen, steckte politische Kraft.
Und selbst wenn die Krise nicht als solche benannt wurde, liess sich das Motiv auch in allen weiteren Stücken der Festival-Kuration erkennen. “Monsterrrr!” (TOBOSO, Theater Essen) beschäftigte sich auf humorvolle Art mit dem Umgang mit Regeln und dem Andersssein. “Trolllike” (STERNA | PAU, Bochum, Dortmund) berichtete im Rahmen einer Lecture Performance von Internet Trolls und der Alt-Right. In “Unsere Grube” (pulk fiktion, Köln) und “Ich will das so” (Theater Münster), wurden Umgänge zwischen Erwachsenen und Kindern und die Themen Grenzen und Freiräume behandelt, “Vier Piloten” (Junges Schauspielhaus Bochum) erzählte von dem Finden der eigenen Identität und Queerness in einer Coming-of-Age Inszenierung. Auch wenn der Umgang mit Krisen nicht immer als solcher benannt wurde, wurde es als Kernthema des Festivals spürbar. Oft nicht nur als das Lösen von Krisen, sondern als das Leben und Bewegungsspielräume aushandeln in ihnen.
Das Festival zeigte durch seine Stückauswahl immer wieder Hoffnung, die nicht abseits von Krisen, sondern in ihnen entsteht und nahm dadurch das aktuelle Lebensgefühl sehr vieler junger Menschen ernst. Für uns als Teil der „next generation“ an Theatermacher*innen für junges Publikum war das inspirierend. Oft haben wir untereinander besprochen, wie viel das Theater Kindern und Jugendlichen zutrauen kann und will. Ob Theater in Krisen ein Ausbruchsort, ein Erklärort, ein Anfass- und Mitfühlort sein soll, und wie ernst Kinder und Jugendliche als mündige Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft genommen werden? Das Westwind-Festival 2025 bot Perspektiven, wie Theater für junges Publikum aktuell aussehen kann. Theater als Ort, der die allgemeine Krisenstimmung nicht verleugnet, aber nicht an ihr verzweifelt. Wir enden, so schön, mit der Bürde der Hoffnung.
Dieser Text entstand im Rahmen des Programms NEXT GENERATION des WESTWIND-Festivals 2025 und in Kooperation mit dem Kinder- und Jugendtheaterzentrums.
Frida Jürgens (sie/ihr), geboren 2004 in Dortmund, studiert seit Oktober 2024 Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus, sowie Theater, Film und Bewegtbild am Literaturinstitut Hildesheim. Ihre Texte bewegen sich zwischen autofiktionaler Prosa und lyrischen Fragmenten, in denen sie alltägliche Beobachtungen, Queerness und Identität reflektiert. Theaterpraktische Erfahrungen konnte sie bei einer kollektiven Stückentwicklung im Rahmen eines Spielklubs am Schauspielhaus Graz sammeln.
Noah Thalia Schoeller (they/them) studiert in der Performance-Klasse an der ADBK München und arbeitet als Regisseur*in und Dramaturg*in in der freien Szene. Noah arbeitet installativ und beschäftigt sich mit postdigitaler Theorie, versucht analoge Übersetzungen für digitale Phänomene zu finden und im Netz entstehende Kulturpraktiken künstlerisch anzuerkennen. Noah leitet das Projekt OPEN HOUSE am PATHOS Theater, arbeitet für das Festival „SPIELART“ und ist Teil des Künstler*innenkollektivs queer:raum.