Wege durch ländliche Räume

von Micha Kranixfeld (Künstler u.a. Mitglied der Frl. Wunder AG & Kulturwissenschaftler)

Der digitale Fachtag Im Theater LANDen – Theater in ländlichen Räumen erleben und erproben am 29. November 2022 diskutierte Herausforderungen darstellender Künste für und mit Kindern und Jugendlichen in ländlichen Räumen.

Ländliche und urbane Räume bilden ein gemeinsames Gewebe – das zeigte einmal mehr der digitale Fachtag Im Theater LANDen der ASSITEJ Ende November 2022, den ich als Critical Friend begleitet habe. Etwa siebzig Theaterermöglicher*innen zwischen dem Saarland und Mecklenburg-Vorpommern waren der Einladung der beiden Förderprogramme Wege ins Theater und NEUSTART KULTUR – Junges Publikum gefolgt. Egal ob in kleinen Orten oder Großstädten ansässig engagieren sich die Zugeschalteten für Theatererlebnisse für und mit Kindern und Jugendlichen in ländlichen Räumen – und brachten als Lehrer*innen, Künstler*innen, Verwaltungsexpert*innen und vieles mehr vielfältige Perspektiven und Erfahrungen in den Austausch ein.

In insgesamt sechs parallelen Gesprächsrunden diskutierten sie, wie Kooperationen und Bündnisse dazu beitragen können, den Herausforderungen für kulturelle Bildung in ländlichen Räumen zu begegnen. Diese Themensetzung basierte auch auf dem in der Einladung formulierten Anliegen der ASSITEJ, »in Zukunft noch mehr Akteur*innen, die für die darstellenden Künste für junges Publikum in ländlichen Räumen arbeiten, zu erreichen, zu stärken und sichtbarer zu machen.«

Einen Einstieg in die Herausforderungen bot eine spontane Abfrage unter den Teilnehmenden danach, was ihnen bei ihrer Arbeit fehlt: Finanzierung, Zeit und Raum standen als essentielle, aber dauerhaft knappe Ressourcen im Mittelpunkt der Antworten. Eine Binsenweisheit, die aber zu diesem Zeitpunkt bitter nachschmeckt. »Mehr Zeit und Raum« forderte schließlich schon 2019 das Bündnis für freie darstellende Künste, um Regionen jenseits der Großstädte zu erkunden und künstlerische Arbeit in dynamischen, gesicherten Produktionsstrukturen zu ermöglichen. (vgl. BFDK 2019: 30) Ab 2020 nutzten dann viele Förderprogramme die Mittel aus NEUSTART KULTUR, um genau dafür erste Möglichkeiten zu schaffen. So fördert die ASSITEJ neben der Sicherung des Spielbetriebs auch Fortbildungen und Austausch. Mit dem Auslaufen der Bundesmittel dürften nun viele kulturelle Angebote in ländlichen Räumen wieder am selben Punkt wie zuvor stehen: Neben dem Fehlen einer flächendeckend professionalisierten Kulturverwaltung fallen die Kulturetats vielerorts niedrig aus. Pro Kopf gaben Gemeinden über 500.000 Einwohner*innen im Jahr 2019 deutlich mehr für Kultur aus als Gemeinden bis 10.000 Einwohner*innen, nämlich 171,07 € statt 14,28 € pro Person[1] – ein Unterschied um den Faktor zwölf (vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2022: 87). Dies ist auch ein Ergebnis der Kulturpolitik der letzten Jahrzehnte, die immer wieder die Zentren stärkte, um das Umland mitzuversorgen, im Ergebnis aber zu einer »Peripherisierung« (vgl. Kranixfeld/Flegel 2022) jener darstellenden Künste beitrug, die in ländlichen Räumen produziert werden und nicht nur als Gastspiel dorthin gelangen.
Gleichzeitig machte Kristin König von der Servicestelle „Kultur macht stark“ Schleswig-Holstein mit einer langen Liste möglicher Bündnispartner*innen von Freiwilligen Feuerwehren über Schulsozialarbeit und Mehrgenerationenhäuser bis hin zu Krankenhäusern, Bauhöfen und Kirchen eine besondere Ressource der darstellenden Künste in ländlichen Räumen deutlich: Hier sind Kollaborationen zwischen unterschiedlichsten Sektoren sehr üblich. Sie werden meist über persönliche Kontakte eröffnet und können finanzielle Defizite zumindest teilweise ausgleichen.

In den Gesprächsrunden des digitalen Fachtags ging es deshalb intensiv um den Austausch über praktische Erfahrungen des Kooperierens. Durch Impulse aus unterschiedlichen Projekten blieb das Gespräch dabei immer an den konkreten Kontexten orientiert. So erzählte die Regisseurin Corinna Preisberg von ihrer Erfahrung mit dem Dreiland Theater im kleinen Dorf Wochern. Das Theater produziert eigene Stücke und veranstaltet Gastspiele an unterschiedlichen Orten im Dorf. Preisberg empfindet es als Besonderheit, dass die Trennung von Theater für junges Publikum und Theater für Erwachsene in Wochern keinen Sinn ergibt: Es seien immer beide Gruppen dabei und wollten nach ihren Bedürfnissen und Interessen eingebunden werden. Zugänge zu zeitgenössischen darstellenden Künsten entstehen dabei laut Preisberg eher nebenbei. Vorn stünde bei den Menschen der Wunsch, etwas gemeinsam zu tun; das Theater biete dafür einfach den entsprechenden Rahmen. Das Beispiel zeigt stellvertretend für andere, welch hohe Bedeutung persönlichen Kontakten gerade in kleineren sozialen Systemen wie einem Dorf mit nur 190 Einwohner*innen zukommt. Für Preisbergs Arbeit ist es deshalb wichtig, auch selbst im Ort zu leben. Um dabei nicht den Blick über den Tellerrand zu verlieren, gestaltete sie die Förderung im Rahmen von ASSITEJ Neustart Kultur – Junges Publikum als überregional angelegte Fortbildung: Sie ging gemeinsam mit drei weiteren Künstler*innen auf Forschungsreise durch Mecklenburg-Vorpommern, um sich dort mit Künstler*innen und Kulturinitiativen auszutauschen, deren Erfahrungen mit der Arbeit in ländlichen Räumen für ihre eigene Theaterarbeit im Saarland wertvoll sein könnten.

Neben solchen in die Zukunft gerichteten Vorhaben finanzierte die ASSITEJ auch die Aufrechterhaltung des Gastspielbetriebs in der Pandemie. Es ist als Stärke der freien Kinder- und Jugendtheater in ländlichen Räumen zu begreifen, dass sie viel Erfahrung damit haben, höchst flexibel mit unterschiedlichsten räumlichen Gegebenheiten umzugehen und eben nicht auf klassische Theaterbühnen fixiert zu sein, und deshalb auch in Pandemiezeiten Wege fanden. Oft verbirgt sich darin aber sehr viel Kommunikationsarbeit. Denn immer dann, wenn Künstler*innen an Orten auftreten sollen, die nicht als Theater, sondern beispielsweise als Kindergarten oder Dorfgemeinschaftshaus gedacht sind, werden Verhandlungen zwischen verschiedenen Bedürfnissen geführt. Das beginnt bei realistischen Gagen, die von vielen Partner*innen meist viel zu niedrig eingeschätzt werden, und geht weiter bei der Verhandlung um die Anpassung der üblichen Abläufe, weil der Turnraum wieder gebraucht wird oder der Spielmannszug auf seinen Übungsabend nicht verzichten will zugunsten des aufwändigen Aufbaus einer Theatergruppe. Aber auch wenn man in professionellen Kulturorten anderer Sparten spielt, hat das seine Tücken: Ein Museum ist z.B. nicht unbedingt gewohnt, Abendveranstaltungen mit Ticketverkauf zu organisieren. Dass Theater trotz all dem stattfindet, zeigt, mit welch hohem Engagement sich die Beteiligten für junges Publikum in ländlichen Räumen einsetzen wollen.

Auch beim Blick auf die im Rahmen von Kultur macht stark geförderten Bündnisse wurde deutlich, dass die Initiative meist von engagierten Einzelpersonen ausgeht, obwohl das Programm eigentlich Bündnisse aus Organisationen fördert. Denn die beteiligten ländlichen Organisationen haben meist gerade genug Ressourcen, um den Alltagsbetrieb aufrecht zu erhalten. Zusätzlich fehlen aktuell freie pädagogische Fachkräfte, denn viele sind in Reaktion auf die Covid-19-Pandemie in Festanstellungen gegangen. So wird die Zusammenarbeit in den Bündnissen oft von Menschen ermöglicht, die über den bezahlten Umfang ihrer Stelle hinaus oder sogar ganz ehrenamtlich engagiert sind. Sie haben dabei viel mehr zu tun, als nur die Projekte umzusetzen: Soll die Partnerschaft nicht nur auf dem Papier gut aussehen, gilt es sich gut kennenzulernen und Unterschiede festzustellen. Denn während beispielsweise die künstlerischen Partner *innen (nicht unbedingt freiwillig) gewohnt sind, Projekte in kurzen Zeiträumen zu planen und umzusetzen, unterliegen die Partner*innen in der Verwaltung engen Vorgaben was z.B. Ausschreibungspflichten betrifft und sind darüber hinaus angewiesen, alle wichtigen Entscheidungen in den Hierarchieebenen abzustimmen. Im Wissen um die unterschiedlichen Selbstverständlichkeiten der beteiligten Organisationen sei es sehr wichtig, sich früh und dauerhaft auszutauschen und klare Absprachen zu treffen. Noch wichtiger aber sei es, tatsächlich ein Bündnis zu entwickeln, d.h. die zusätzliche Arbeit auf viele Schultern zu verteilen. Dazu gehöre, alle Partner*innen immer auf dem Laufenden zu halten, denn nur wenn alle auch inhaltlich dabei seien, würden sie das Projekt auch gleichermaßen tragen können.

Bemerkenswert schien mir der Erfolgsdruck, unter dem die Theaterprojekte in ländlichen Räumen stehen können. Dieser scheint vor allem lokal zu entstehen: Denn immer dann, wenn ein Kulturprojekt das erste seiner Art im Ort ist, scheint es geradezu gelingen zu müssen. Berichtet wurde, dass die Unterstützer*innen persönlich für das Projekt einstünden, um andere zum Mitmachen zu bewegen. Werde rückblickend keine positive Bilanz gezogen, habe man diese Leute für Folgeprojekte verloren. Es wäre weiter zu beobachten, wie vermieden werden kann, dass ein erstes Projekt die weitere Experimentierlust einschränkt statt es noch einmal anders zu probieren – gerade wenn die an das Projekt geknüpften Erwartungen angesichts peripherisierter Theaterstrukturen nicht aus Erfahrung gewachsen sind. Zudem zeigte sich in den Berichten der Teilnehmenden, dass in manchen ländlichen Gemeinden der grundsätzliche Wert kultureller Teilhabe noch nicht allgemein anerkannt ist. In der Legitimationsfalle initiierte ein Projekt sogar eine wissenschaftliche Begleitung, um eine integrative Wirkung des Projekts für die lokalen Entscheidungsträger*innen nachzuweisen. Solche Aushandlungen kosten ländliche Kulturakteur*innen Kraft, die für die Projekte fehlt und sie angesichts knapper Budgets und fehlender Fachkräfte fragen lässt, ob sie sich dem Entwicklungsprozess, der Wege ins Theater implizit eingeschrieben ist, stellen wollen. Hier fehlen vielerorts noch Koordinationsstellen, die Erfahrungen bündeln und gezielt Strukturarbeit leisten können.

Einen Perspektivwechsel will ich zum Schluss dieses Textes noch mit auf dem Weg geben: Wir haben während des Fachtags viel über Strukturen gesprochen und wenig über die Kunst an sich. Diese aber braucht nicht nur Wege zum Publikum, sondern verändert sich selbst je nach Kontext, in den sie gerät. Aus meiner Sicht wäre ein Austausch darüber ein wichtiger nächster Schritt: Was macht es mit den darstellenden Künsten, dass sie für und mit jungen Menschen in ländlichen Räumen stattfinden? Welche neuen Formen wurden gefunden, weil sie so gut zu den spezifischen Herausforderungen passen, die in den unterschiedlichen Kontexten angetroffen wurden? Wo haben überraschende Begegnungen, wie die mit dem Bauernverband im geschilderten Streit um ein Stück zur Überdüngung der Böden, zu Perspektivwechseln auf allen Seiten geführt? Was können Theater in den großen Zentren von der Arbeit außerhalb der Großstädte lernen?
Meine Hoffnung ist, dass ländliche Räume in Zukunft nicht mehr als Hürde für die Theaterversorgung gesehen werden, sondern als Umgebung, in der sich das Verständnis von Theater ein weiteres Mal erneuern und erweitern kann. Eine Umgebung, in der Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen und mit vielfältigsten Vorerfahrungen als Profis und Amateur*innen zusammenkommen. Eine Umgebung, in der das Theater für und von jungen Menschen – mit den Worten einer Teilnehmerin gesprochen – »immer wieder Freude an der Verbindung mit der Welt schafft«.

[1] Da es sich hier um Durchschnittswerte handelt, gibt es real natürlich eine Streuung der Beträge nach oben und unten, die sich von Kommune zu Kommune stark unterscheiden kann.

QUELLEN

BFDK (2019): Dokumentation Bundesforum II. Bundesverband freie darstellende Künste und Fonds darstellende Künste.

Kranixfeld, Micha/Flegel, Marten (2022): Zwischen Eigensinn und Peripherisierung. Die Förderung der Freien Darstellenden Künste jenseits der Großstädte, in: Wolfgang Schneider/Fonds Darstellende Künste (Hg.): Transformationen der Theaterlandschaft. Zur Fördersituation der Freien Darstellenden Künste in Deutschland, transcript: Berlin, S. 100-118.

Martin, Olaf (2015): Der Grundwasserspiegel im ländlichen Raum. Plädoyer für eine Kulturpolitik von unten, in: Kulturpolitische Mitteilungen (151), S. 39–41.

Statistische Ämter des Bundes und der Länder (Hg.) (2022): Kulturfinanzbericht 2022, Wiesbaden.

Abbildungen: Graphic Recording

Der digitale Fachtag Im Theater LANDen wurde von Johanna Benz und Tiziana Beck grafisch begleitet. Die beiden haben das Gesagte in zahlreiche Illustrationen übersetzt.


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